Pandemiebewältigung - eine Bilanz aus Sicht der Betriebsärzte
Sehr geehrte Frau Ministerin,
nachdem nun die zweite Welle der Pandemie H1N1 abgeklungen ist und eine dritte Welle nicht gekommen ist, möchte ich mir die Zeit nehmen und aus der Sicht eines aktiven Betriebsarztes die vergangenen Monate kommentieren. Vom Grundsatz her möchte ich mich dem von Stanley M. Bergman, Vorstandsvorsitzender des Medizinproduktehändlers Henry Schein geäußerten Tenor in der Ärztezeitung anschließen: „mit H1N1 haben wir vor allem Glück gehabt“. Nach dem die Menschen weltweit, man kann sagen über Jahre auf eine gefährliche Pandemie eingestimmt wurden, kam es innerhalb von wenigen Monaten zur weltweiten Verbreitung des neuen H1N1-Virus, welches dann auch relativ schnell Phase 6 einer Pandemie erreichte. Im Prinzip hatte die Politik gut vorgesorgt und sich darauf verständigt, dass möglichst schnell ein auf dieses Virus abgestimmter Impfstoff aufgelegt werden sollte und eine möglichst breite Durchimpfung damit durchgeführt wird. Hier kam es fast zu einem Wettlauf der Nationen, wer von den wenigen weltweit tätigen Impfstoffherstellern als erster bedient wird. Unter diesem Erfolgsdruck und dem Diktat der Presse blieb der Politik im Grunde ge-nommen gar keine andere Wahl, als möglichst bald möglichst viel Impfstoff zu bestellen. Die gute Entscheidung war das eine, die Umsetzung offensichtlich der wesentlich schwierigere Part. Hier sind nach meiner Einschätzung zwei bedeutende Fehler gemacht worden:
Es wurde keine stringente offizielle Informationspolitik durchgeführt. Viele selbsternannte Experten äußerten sich zu dem Thema, die offiziellen Stellen jedoch meldeten sich kaum zu Wort. Die Abstimmungsprobleme verursacht durch das föderale System zogen sich sehr lange hin, so dass es nicht gelang, frühzeitig an die ärztliche Öffentlichkeit zu gehen und eine funktionierende und gut organisierte Logistik rechtzeitig aufzubauen. Dies führte dann dazu, dass im entscheidenden Augenblick, als viele geimpft werden wollten, der Nachschub vorrübergehend sistierte und danach als er wieder zur Verfügung stand (durch eine schlechte Informationspolitik) sich das Stimmungsbild gewandelt hatte und keiner mehr geimpft werden wollte. Insbesondere die rasche Durchimpfung der beruflich exponierten Gruppen (u.a. Beschäftigte im Gesundheitswesen) und der Risikogruppen funktionierte nur unzureichend, weil die in dieser Funktion tätigen Schlüsselpersonen, die Betriebsärzte weder von der Information noch von der Organisation her in den Ablauf eingebunden waren. Symptomatisch dafür war die Tatsache, dass zu unserem großen Pandemiesymposium im September, an dem 80 Betriebsärzte aus Baden teilnahmen, kein offizieller Vertreter des Ministeriums zur Information der Betriebsärzteschaft zur Verfügung stand. Stattdessen mussten in Arbeitskreisen mit Landesärztekammer, KV und Apothekerschaft endlose Abstimmungsgespräche geführt werden. Dabei erscheint mir die Strategie, über die niedergelassene Ärzteschaft eine flächendeckende Impfung durchzuführen als ehemaliger Hausarzt, der weiß, wie die Kollegen denken und sich ihren Patienten thera-peutisch verpflichtet fühlen, mehr als fraglich. Abgesehen von dem sehr unterschiedlichen Meinungsbild, was das Impfen grundsätzlich angeht, wird das Verteilungsproblem natürlich zunehmend größer, je weiter man die Verteilung in der Peripherie verästelt. Im Falle einer wirklich ernsten Grippepandemie mit einem hochpathogenen Virus bin ich mir sicher, dass es nur funktionieren kann, wenn man zentrale Impfstellen einrichtet, evtl. zusätzlich unterstützt durch einige Schwerpunktpraxen, die sich dafür bereiterklären und erklärte Impfbefürworter sind. Bei den beruflich exponierten Risikogruppen sehe ich nach wie vor die Betriebsärzte als erste in der Pflicht, da diese direkt an der arbeitenden Bevölkerung dran sind und von ihrem Selbstverständnis her sehr viel mehr aufs Impfen ausgerichtet sind als die niedergelassene Ärzteschaft. Ich sehe hier durchaus auch die Gesundheitsämter in der Verantwortung, es hat sich nämlich gezeigt, dass in anderen Bundesländern, in denen die Gesundheitsämter eine aktivere Rolle spielten und selbst impften, wesentlich bessere Impfquoten erreicht wurden als in Baden-Württemberg.
Um die betriebsärztlichen Kollegen zeitnahe zu informieren, würden wir diesen Brief an Sie gerne auf unsere VDBW-Internetseite einstellen, selbstverständlich auch gerne Ihre Antwort darauf.
Sehr geehrte Frau Ministerin,
wir freuen uns sehr, dass Sie auch im Kabinett Mappus mit dabei sind (herzlichen Glückwunsch!) und werden mit Ihnen gerne den Dialog weiterpflegen. In diesen und anderen Fragen stehen wir Ihnen und Ihren Ministerialmitarbeitern jederzeit als Gesprächspartner zur Verfügung. Wir freuen uns ganz besonders, Sie dieses Jahr auf unserer traditionellen Herbsttagung in Ulm begrüßen zu dürfen und verbleiben
mit besten, kollegialen Grüßen
Dr. med. Michael Sehling
Landesvorsitzender Baden
Anlage
Artikel aus der Ärztezeitung

