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Mehr Chancen als Risiken:

"Selbstständige Arbeitsmediziner optimistisch"

Im Laufe der letzten Jahre zeit sich deutlich: Immer mehr qualifizierte Betriebsärzte arbeiten freiberuflich. Während die in der kurativen ambulanten Medizin tätigen Kollegen zunehmend unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen und dem wirtschaftlichen Erfolg ihrer Praxen und insofern auf dem Rückzug sind, zeigen sich selbstständige Betriebsärzte überwiegend optimistisch. Dies war auch das Fazit des ersten Forums selbstständiger Arbeitsmediziner in Heßdorf bei Erlangen.

Nach der aktuellen Statistik der Bundesärztekammer versorgen derzeit etwa 12.300 Ärzte mit arbeitsmedizinischer Fachkunde die Betriebe. Wie viele dies selbstständig tun, wird nicht erfasst und ist schwer abzuschätzen.

Dies liegt auch daran, dass es verschiedene Formen freiberuflicher betriebsärztlicher Tätigkeit gibt:

  • selbstständiger Facharzt für Arbeitsmedizin / Arzt mit Zusatzbezeichnung „Betriebsmedizin“ in vollzeitiger betriebsärztlicher Tätigkeit
  •  selbstständiger Facharzt für Arbeitsmedizin / Arzt mit Zusatzbezeichnung „Betriebsmedizin“ in teilzeitiger betriebsärztlicher Tätigkeit
  •  selbstständiger Facharzt anderer Fachrichtung, z.B. Allgemeinmedizin oder Innere Medizin mit zusätzlicher arbeitsmedizinischer Fachkunde und in teilzeitiger betriebsärztlicher Tätigkeit
  • angestellter Facharzt für Arbeitsmedizin oder Facharzt anderer Fachrichtung in teilzeitiger freiberuflicher betriebsärztlicher Tätigkeit
  • Betriebsarzt, der auf Honorarbasis voll- oder teilzeitig einen großen Betrieb betreut
  • Betriebsarzt, der freiberuflich mehrere Betriebe betreut
  • Betriebsarzt ohne angestellte / mitarbeitende Personen
  • Betriebsarzt mit angestellten Ärzten und / oder Assistenzpersonal
  • Praxisgemeinschaft
  • Gemeinschaftspraxis
  • GbR
  • GmbH


Motivation zur Selbstständigkeit

Die Motivationen, sich als Betriebsarzt selbstständig zu machen, sind verschiedenartig: bewusst und aktiv gestaltend oder auch zunächst gezwungenermaßen.

Vollzeitig betriebsärztlich Tätige, die sich niederlassen, nennen den Wunsch, eigenverantwortlich arbeiten zu wollen und unabhängig zu sein. Die freie Gestaltungsmöglichkeit von eigenen Zielen und den Wegen dorthin, von Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten und nicht zuletzt die Möglichkeit, die Beziehungen zu Vertragskunden, Probanden und Mitarbeitern selber bestimmen und pflegen zu können, gehören dazu. Schließlich wird vermutet, in der Freiberuflichkeit ein höheres Einkommen als in angestellter Tätigkeit erzielen zu können.

Bei ehemals fest angestellten Werkärzten führt die Ausgliederung der betriebsärztlichen Betreuung aus großen Unternehmen dazu, dass sie ihre eigene Abteilung nun selbstständig am Markt positionieren müssen.

Weiterhin nennen viele niedergelassene Kollegen Unzufriedenheit mit ihrer kassenärztlichen Tätigkeit als Grund, sich mehr der betriebsärztlichen Betreuung zuzuwenden. Darüber hinaus nutzen selbstständige Kollegen die Option, als Betriebsarzt teilzeitig arbeiten zu können.

Es gibt aber auch eine unternehmerische Sicht: Der Wunsch der Unternehmen nach langjähriger Betreuung durch einen Betriebsarzt verstärkt den Trend zur Auswahl eines ortsansässigen niedergelassenen Kollegen, von dem man nicht befürchten muss, dass er seine Funktion nach kurzer Zeit niederlegt. Mit ihm steht dem Unternehmen ein für alle vertraglichen und fachlichen Fragen verantwortlicher Ansprechpartner unmittelbar zur Verfügung, was die Kommunikation aus deren Sicht erleichtert.

Auch erwartet man vom Betriebsarzt als „eigenem Unternehmer“, dass er für ökonomische Aspekte unternehmerischen Handelns besonders sensibel ist.

Schließlich werden in der Region bekannte und beliebte kurativ tätige Kollegen bei vorhandener arbeitsmedizinischer Fachkunde gerne als Ärzte des Vertrauens verpflichtet.

Chancen

Über das hohe Durchschnittsalter deutscher Arbeitsmediziner ist an dieser Stelle oft berichtet worden. Die deshalb in den nächsten Jahren ausscheidenden Betriebsärzte sind vielfach niedergelassen tätig und werden Nachfolger suchen, die ihr Lebenswerk fortführen.

Eine weitere Chance liegt in den drastischen Veränderungen im Gesundheitswesen, dem demografischen Wandel und dem höheren Renteneintrittsalter. Diese Entwicklungen lassen erwarten, dass uns Betriebsärzten in der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention zusätzliche Aufgaben zuwachsen.

Wir sehen das daran, dass das Gesundheitsmanagement selbst in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise dauerhaft und nachhaltig an Bedeutung gewinnt. Sein zentraler Akteur ist der Betriebsarzt. Um diese Rolle als Berater, Initiator und Moderator überzeugend erfolgreich zu erfüllen, sind zuverlässig geknüpfte und langfristig gepflegte Beziehungen unverzichtbar. Dies gelingt durch konstante, jahrelang gewachsene Betreuung. Deshalb werden sich Unternehmen ihren arbeitsmedizinisch qualifizierten, zuverlässigen, ortsnahen „Hausarzt“ für ihren Betrieb suchen, der sich mit ihm identifiziert.

Das alles zeigt: Gute Betriebsärzte werden dringend gesucht und langfristig gebraucht!

Freilich: Als Billigprodukt sind deren Leistungen nicht zu haben. Ihre qualitativ hochwertige und nachhaltig wirksame Erbringung setzt ärztliche Erfahrung, Kontinuität der Beziehungen zu den betrieblichen Beteiligten, gewachsenes Vertrauen und zeitliche Ressourcen voraus und hat deshalb ihren Preis. Wer als Betriebsarzt Probleme nicht nur benennt, sondern Lösungen mitgestaltet, ist für Unternehmen unverzichtbar. Er wird geschätzt, geachtet und angemessen honoriert.

Erfolgsfaktoren

Wichtigster Erfolgsfaktor: Man braucht Begeisterung für die Tätigkeit mit den vielfältigen menschlichen Kontakten, fachlichen Herausforderungen und aktiven Einflussmöglichkeiten auf individuelles Verhalten und betriebliche Verhältnisse. Das muss beim ersten Kontakt mit der Geschäftsleitung und beim letzten Händedruck nach einem Gesundheitstag rüberkommen.

Der freiberuflich tätige Betriebsarzt benötigt Kompetenzen, Qualifikationen und Erfahrung, am besten mehrjährige, um Entscheidungen fundiert treffen und vertreten zu können.

Selbstverständlich ist die arbeitsmedizinische Fachkunde, ideal ist eine Spezialisierung, die den Niedergelassenen zusätzlich attraktiv macht, z.B. durch sozial-, verkehrs-, flug-, umwelt-,reisemedizinische Qualifikation.

Unverzichtbar sind Kontakte zu Betrieben, aus denen sich Kundenbeziehungen ergeben. Ohne jeden derartigen Anknüpfungspunkt wäre von einer Niederlassung abzuraten. Sind solche Verbindungen aber erst hergestellt ergeben sich rasch neue Kontakte, ein Image entsteht und weitere Kunden kommen dazu.

Die Praxis sollte über fachkundiges und gut ausgebildetes Assistenzpersonal verfügen, das delegierbare Leistungen zuverlässig übernimmt. Hierdurch wird auch die Erreichbarkeit wenigstens zu den üblichen Geschäftszeiten sichergestellt. Dabei ist wertschätzende Mitarbeiterführung, klar strukturierte Organisation und angemessene Bezahlung eine wichtige Voraussetzung für Funktionsfähigkeit und gutes Klima im eigenen Betrieb.

Obwohl sich selbstständige betriebsärztliche Tätigkeit vielfach in den Betrieben abspielt, sind Praxisräume meiner Auffassung nach wichtig. Auf diese Weise können Untersuchungen und Gespräche auch außerhalb der Unternehmen angeboten werden. Außerdem besteht die Möglichkeit für Begutachtungen von Mitarbeitern nicht vertraglich verbundener Betriebe.

Selbstverständlich müssen alle Geräte und ein Laboranschluss verfügbar sein, die zur Durchführung der Vorsorgeuntersuchungen notwendig sind.

Schließlich empfiehlt sich die Einrichtung einer eigenen Website. Vor der ersten Kontaktaufnahme steht für viele Verantwortliche im Betrieb heute der Klick auf die Homepage.

Risikofaktoren

Völlig risikolos ist eine Niederlassung natürlich nicht.

Besonders die Vereinzelung wird immer wieder beklagt: Das wirkt sich besonders bei Fragen der Vertragsgestaltung mit Kunden, dem Bezug von teuren und doch wenig genutzten Räumen, die wegen der Tätigkeit in den Betrieben vielfach ungenutzt bleiben, der Gerätenutzung und dem Informations- und Erfahrungsaustausch aus, z.B. zu fachlichen Themen oder gesetzlichen Änderungen.

Das führt dazu, dass jeder seine eigenen Verträge und für den Alltag Formulare bastelt.

Aber auch, dass im Falle von Urlaub und Krankheit die Vertretungsfrage schwerer als in größeren betriebsärztlichen Einrichtungen zu lösen ist, wird immer wieder als Nachteil der Selbstständigkeit genannt.

Schließlich tun sich ältere Kollegen schwer mit der Abgabe ihrer Praxen an geeignete Nachfolger.

Um der Vereinzelung zu entgehen, sich zbei Personal, Räumen, Geräten, Homepagegestaltung, Marketing, Werbung und Vertrieb zu helfen, zu beraten und zu unterstützen, sind regionale und überregionale Netzwerke geknüpft worden und künftig zu bilden.

Aber auch die Zusammenarbeit z.B. in Form einer Praxisgemeinschaft, Gemeinschaftspraxis oder einer GmbH ist zukunftsweisend.

Ohne ausreichenden arbeitsmedizinisch qualifizierten Nachwuchs wird es in Zukunft allerdings nicht gehen.

Deshalb sollten Famulaturen in der Arbeitsmedizin überhaupt wieder - hier verweise ich auf entsprechende Initiativen des VDBW - und dabei auch in Praxen von niedergelassenen Kollegen ermöglicht und anerkannt werden, um Studierende auf diese zukunftsweisende Form ärztlicher Tätigkeit aufmerksam zu machen.

Gleichzeitig sind freiberufliche Kollegen aufgefordert, bei den Landesärztekammern Weiterbildungsermächtigungen zu beantragen, um junge Ärzte an die Arbeitsmedizin heranzuführen.

Die Befassung mit der Rechnungsstellung, nachhaltiger betriebswirtschaftlicher Führung, Personalabrechnungs- und Versicherungsfragen sowie steuerlichen Themen stößt manchen Niedergelassenen ab.

Bei rechtlichen, steuerlichen und Fragen der Personalführung hat es sich bewährt, Berater hinzuzuziehen. Auch der niedergelassene Betriebsarzt sollte sich auf das konzentrieren, was er kann, und das, was er nicht beherrscht, andere Profis überlassen. Diese Vorgehensweise ist rationeller als der Versuch, in einem komplexen Umfeld alles selber regeln zu wollen.

Schließlich ist der freiberufliche Betriebsarzt viel unmittelbar betroffen, wenn Betriebe wegziehen, schließen oder aus anderen Gründen kündigen. Bei sehr großen Kunden kann sich dies existenzbedrohend auswirken. Es empfiehlt sich deshalb, bei der Kundenstruktur auf eine gute Mischung großer und kleiner Betriebe unterschiedlicher Branchen hinzuarbeiten und auch bei guter Auslastung immer die Augen offen zu halten nach bisher nicht oder unbefriedigend betreuten Unternehmen.

Zusammenfassung

Alle Argumente, Erfolgs- und Risikofaktoren, aber auch Gespräche mit niedergelassenen Betriebsärzten lässt sich bilanzieren: Die Tätigkeit als niedergelassener Betriebsarzt ist fachlich und wirtschaftlich erfolgreich, für Betriebe und Ärzte zukunftsweisend und persönlich befriedigend gestaltbar.

Dr. med. Michael Vollmer
Sprecher der Sektion Selbstständige
Kontakt: michael.vollmer@vdbw.de

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