Leitlinien der Arbeitsmedizin

Leitlinien haben in der Medizin einen festen Stellenwert, indem sie konkrete fachlich fundierte und nachvollziehbare Handlungsempfehlungen geben und damit wesentlich zur flächendeckenden Qualitätssicherung beitragen, v. a. durch den Abbau rational unbegründeter Versorgungsunterschiede.

In den Empfehlungen des Europarates zur „Entwicklung einer Methodik für die Ausarbeitung von Leitlinien für optimale medizinische Praxis“ (2001) wird den Regierungen der Mitgliedstaaten empfohlen einen „…Rahmen für die nationalen politischen Konzepte und Maßnahmen zu schaffen, der die Erstellung, Verwendung und rechtzeitige Fortschreibung national und lokal bedeutsamer, evidenzbasierter Leitlinien für die klinische Praxis unterstützt…“. Bei der Erarbeitung von Leitlinien wird betont, dass „Leitlinien systematisch, unabhängig und transparent und unter Verwendung geeigneter Qualitätskriterien von Arbeitsgruppen entwickelt werden sollten, die sich aus Fachleuten verschiedener Berufssparten zusammensetzen.“

In der Arbeitsmedizin existieren bereits eine Fülle von Hinweisen und Handlungsempfehlungen mit mehr oder weniger rechtlich verbindlichem Charakter. Hauptproblem dieser Empfehlungen ist, dass sie meist im informellen Konsens einer selektiv ausgewählten Expertengruppe entstanden sind. Eine Beeinflussung des Entwicklungsprozesses durch persönliche Meinungen und Interessen kann somit nicht ausgeschlossen werden, auch die Transparenz ist oft nicht gewährleistet.

Im Deutschen Instrument zur methodischen Leitlinienbewertung (www.delbi.de) werden Leitlinien definiert als „…systematisch entwickelte Aussagen zur Unterstützung der Entscheidungsfindung von Ärzten/innen und ggf. anderen Gesundheitsberufen sowie Patienten/innen für eine angemessene Vorgehensweise bei vorgegebenen Gesundheitsproblemen. Sie sind Orientierungshilfen im Sinne von „Handlungs- und Entscheidungskorridoren“ von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann oder muss. Der Begriff „systematisch“ bezieht sich auf den gesamten Prozess der Leitlinienentwicklung von Themenauswahl bis zur Implementierung der Leitlinie. Insbesondere fünf Kernelemente bestimmen den Entwicklungsprozess und die Qualität einer Leitlinie: die systematische Evidenzbasierung, eine formale und transparente Konsensfindung mit evaluierten Verfahren, Outcome Bewertung, Abwägung von Nutzen und Risiken (Entscheidungsanalyse) und die Nachvollziehbarkeit des Versorgungsablaufs (www.delbi.de).

Die Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) klassifiziert Leitlinien in drei Entwicklungsstufen (http://www.awmfleitlinien.de/):
 » S 1 Leitlinie = Handlungsempfehlungen von Experten mit informellem Expertenkonsens
» S2 (e oder k) Leitlinie = Empfehlung basierend auf systematischem Review (e) oder auf formaler Konsensfindung (k)
» S3 Leitlinie = Empfehlung basierend auf allen Elementen einer systematischen Entwicklung insbesondere systematischer Evidenzbasierung und auf formaler Konsensfindung

Erst durch eine systematische Evidenzbasierung und eine strukturierte Konsensfindung gewinnen Leitlinien der Stufe 3 eine gleichermaßen hohe methodische und politische Legitimation. Wenn sie zudem aktuell sind und ihren Entwicklungsprozess transparent darlegen, sind alle Bedingungen für eine breite Akzeptanz in der anvisierten Zielgruppe erfüllt.

Unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e. V. (DGAUM) wurden bisher 30 arbeits- und umweltmedizinische Leitlinien der Stufe S1 und eine S2 Leitlinie (Silikose) erstellt (die Angaben der Entwicklungsstufen S1, S2 oder S3 sind Selbstklassifikationen durch die Fachgesellschaften). In Erarbeitung befindet sich derzeit die Leitlinie zur „Arbeitsmedizinischen Vorsorge der chronischen Berylliose“ (geplant S3). In dieser S3 Leitlinie soll nach der Methode der Evidenz-basierten Medizin der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisstand dargelegt und darauf basierende Empfehlungen in einem formalen Konsensverfahren von einem repräsentativen Expertenkreis formuliert werden. Die Leitliniengruppe setzt sich zusammen aus stimmberechtigten Mandatsträger/ innen der Fachgesellschaften und Institutionen (Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e. V., Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V., Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie e. V., Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte e. V., Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) sowie nicht stimmberechtigten Experten/innen als Leitlinienautoren/innen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) unterstützt dieses Leitlinienprojekt gern durch aktive Mitarbeit und die Koordination des aufwendigen Entwicklungsprozesses, weil sie von der Notwendigkeit einer besseren Transparenz und Nachvollziehbarkeit arbeitsmedizinischer Leitlinien überzeugt ist.

Ulrike Euler und Frank Thalau

zur Person
Dr. med. Ulrike Euler
MSc, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin FB 3 / Kompetenzstelle für Arbeitsepidemiologie und Präventionsforschung Berlin
Kontakt: euler.ulrike@no-spam.baua.bund.de

Dr. med. Frank Thalau
MPH, MSc
Kontakt: thalau.frank@no-spam.baua.bund.de


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