Lebendig und mittendrin: Praxis für Arbeitsmedizin und Psychotherapie in Schriesheim eröffnet

Lebendig und mutig, bunt und mittendrin, beachtet und respektiert, emotional und optimistisch. Klingt das nach Arbeitsmedizin? Eher nicht. Wir geben uns gerne randständig und unscheinbar, vernünftig und vorsichtig, freundlich und zurückhaltend. Aber Arbeitsmedizin kann auch anders. Wie die Menschen, die sie praktizieren und leben.

Für den 19. September 2009 haben Dr. Michael Sehling, Vorsitzender des Landesverbandes Baden des VDBW, und ich eine „Herzliche Einladung zur feierlichen Praxiseröffnung“ erhalten. Ungewöhnlich, pflegen wir Betriebsärzte uns ansonsten doch eher unspektakulär und in aller Stille selbstständig zu machen.

Imponiert hat mir auch, dass Dr.med. Monika Nitsch-Kirsch ihre Praxis als Ärztin für Arbeitsmedizin, Allgemeinmedizin und Psychotherapie gründete und diesen Schritt nicht auf sich allein gestellt tat, sondern in Kooperation mit dem Psychotherapeuten und Coach, Dipl. Päd. Matthias Tholen.

Ich dachte mir: Ist eine Praxisgründung in dieser personellen Zusammensetzung nicht genau die Antwort, die wir auf die Zunahme psychischer Belastungen in Betrieben und Gesellschaft geben müssen?

Die freundliche Anfahrtsbeschreibung lotste meine Frau und mich mitten in die Innenstadt von Schriesheim – nicht etwa in ein Industriegebiet oder an den Stadtrand. Es war der Samstag eine Woche vor der Bundestagswahl. Auch in der badischen Kleinstadt waren die Stände der politischen Parteien aufgebaut.
„Da vorne links, da ist es“, riefen uns die wahlkämpfenden Politiker zu, die ungefragt wussten, wohin wir wollten.

Dr. Monika Nitsch-Kirsch scheint bekannt zu sein in der Stadt, dachten wir uns, und das Ereignis auch. Und in der Tat: In den ungemein einladenden und freundlich hergerichteten Praxisräumen drängten sich die Menschen: Familienangehörige und Freunde, Kollegen und Künstler, Unternehmensvertreter und Betriebsräte, Bürgermeister und Pfarrer. Nach der feierlichen Begrüßung mit Fingerfood und Getränken sprach die Praxisgründerin eindrucksvoll über „Arbeitsmedizin und Psychotherapie – eine ungewöhnliche Kombination?“ und erläuterte ihren spannenden Berufs- und Lebensweg. Musikalisch wurde die Feier von dem Konzertmeister des Schriesheimer Kammerorchesters, Miroslav Jahoda an der Violine und Ralf Sutter am Klavier umrahmt.

Gleichzeitig mit der Praxiseröffnung zeigte die Künstlerin Petra Mallwitz aus Baden-Baden in einer Vernissage ihre Bilder zum Thema „Risse“. „Risse“ - sind es nicht gerade die Risse auf ihren Lebenswegen, die Menschen verändern, voranbringen oder scheitern lassen? Und sind es nicht genau diese Stationen, die uns als Ärzte fordern?

Die Künstlerin Petra Mallwitz schreibt dazu:

Risse
Entdeckt habe ich sie erst, nachdem eine lange Beziehung zuende gegangen war und der Riss langsam seine Hässlichkeit verlor: Die Risse in der weißen Farbe auf dem Zebrastreifen. Den Riss im Holzbalken des Fachwerkhauses. Den Riss im Stein an der Felswand. Die vielen Risse in der Baumrinde. Und: Die Schönheit dieser Risse. Jedes Material reißt anders und doch ähnlich. Der Riss scheint Dinge zu trennen, aber macht sie auch unverwechselbar. Er ist ein Zeichen von Leben und Bewegung. Der kleine Baum hat noch eine glatte Rinde, je größer er wird, desto zerfurchter und individueller wird seine Haut. Genauso wie die Seele. Risse können Zeuge eines Wachstumsprozesses sein. Der Autor Patrick M. Arnold hat den Satz gesagt: „Gott schütze mich vor dem Mann, der seinen Schmerz nicht fühlt, und der glaubt, nicht verletzlich zu sein.“ Risse bedeuten Schmerz – zuerst vielleicht. Sie scheinen die Perfektion zu zerstören und viele Risse werden mit Spachtelmasse ausgefüllt und Ornamenten beklebt. Aber letztlich ist der Riss eine Öffnung. Da wo Risse sind, die sein dürfen, finden tiefe Begegnungen statt.

Solche Begegnungen haben bei der Praxiseröffnung in Schriesheim stattgefunden – mitten in der Stadt, in aller Öffentlichkeit, mit den Prominenten der Stadt und den Nächsten der Praxisgründer.

Dabei haben Monika Nitsch-Kirsch und Matthias Tholen vielen Menschen durch Begegnung eröffnet, mit Worten erklärt, in Bildern gezeigt und mit Musik fühlen lassen, wie lebendig, verbunden und hilfreich arbeitsmedizinisch tätige Ärzte und ihre Kooperationspartner sind.

Ich möchte auch Sie ermutigen, bei Ihrer Praxiseröffnung oder an anderen Stationen Ihrer Berufstätigkeit zu zeigen: Wir stehen nicht am Rande, sondern mitten im Leben, in unserer Gesellschaft und zum Wohle der uns anvertrauten Menschen – in einem ganzheitlich verstandenen Sinne.

Michael Vollmer

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