„Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Dieses Zitat von Arthur Schopenhauer gewinnt aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklungen zunehmend auch für Unternehmen an Bedeutung. Enormer Kostendruck im globalen Wettbewerb hat dazu geführt, dass die Anforderungen an die Produktivität der Menschen zugenommen haben und weiter zunehmen werden. Folgen für die Betriebsmedizin bleiben nicht aus. Gesundheit am
Arbeitsplatz ist eine Herausforderung für die Arbeitswelt von morgen.
Ein Gespräch zum betrieblichen Gesundheitsmanagement mit dem Betriebsarzt Dr. Ralf Franke, Corporate Medical Director der Siemens AG und stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Arbeitsmedizin (AfAMed) beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales, und Dr. Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.
Herr Dr. Franke, Sie arbeiten als Betriebsarzt in einem der größten Konzerne Deutschlands. Sind von den massiven Sparmaßnahmen, zu denen sich die Unternehmen gezwungen sehen, auch betriebliche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung betroffen?
Dr. R. Franke: Nein, ganz im Gegenteil. Siemens hat kürzlich beschlossen, ein globales Health-Management aufzubauen und hierzu die Funktion eines Corporate Medical Directors eingerichtet.
Herr Urban, Sie repräsentieren die weltweit größte organisierte Arbeitnehmer-Vertretung. Was beobachten Sie in der derzeitigen Situation?
DR. H.-J. Urban: Wir befürchten, dass mit zunehmender Krisendauer Rationalisierungen und Kostensenkungen die Oberhand gewinnen, die auf tiefe Einschnitte in den Arbeitsund Sozialstandards zielen.Gesundheit der Mitarbeiter durch psychische Probleme gefährdet
Zeichnet sich dies aktuell bereits ab?
DR. H.-J. Urban: Ja, unsere Betriebsräte stellen momentan in vielen Betrieben fest, dass davon auch Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der Gesundheit der Beschäftigten betroffen sind. Das ist aber nicht unveränderlich. In krisenhaften Umbrüchen wird immer auch um neue Entwicklungspfade gestritten. Arbeitsprozesse müssen neu konturiert werden.
Welche konkreten Chancen in Bezug auf die Gesundheit am Arbeitsplatz sehen Sie in der Krise?
Dr. R. Franke: Die Krise erfordert Höchstleistungen aller Mitarbeiter und Führungskräfte. Diese können sie nur erbringen, wenn sie gesund und topfit sind. Deshalb investiert Siemens nicht trotz, sondern gerade wegen der Krise in die Gesundheit und Leistungsfähigkeit seiner Mitarbeiter. DR. H.-J. Urba n: Ich denke, es besteht eine Chance, mit Innovation und guter Arbeit einen Pfad hin zu gesundheitsfördernder Arbeitsgestaltung einzuschlagen. Mehr Nachhaltigkeit in den Unternehmen wird nur zu erreichen sein, wenn die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten gefördert wird.
Neue Belastungen in der Arbeitswelt wie arbeitsbedingterStress, psychische Erkrankungen und Beeinträchtigungenwerden angesichts der Krise noch verschärft. In den letztenJahren haben Erkrankungen wie Depressionen undBurnout erheblich zugenommen und die Ausmaße einerneuen „Volkskrankheit“ angenommen. Mit welchen Maßnahmenbegegnen Betriebsärzte dieser Situation der zusätzlichenBelastung der psychischen Gesundheit?
Dr. R. Franke: Wir bieten ein Portfolio aus präventiven und kurativen Maßnahmen wie Stressseminare, individuelle Coachings, Kooperationen mit psychosomatischen Kliniken etc. an. Darüber hinaus arbeiten wir an der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Was den Beschäftigten in dem Prozess besonders hilft, sind die betriebsärztlichen Kompetenzen wie das arbeits- und allgemeinmedizinische Wissen, aber auch Management- Kompetenzen und die Vertrautheit mit dem Unternehmen.
Was ist bei dem Thema psychische Belastung der Arbeitnehmer aus Ihrer Sicht unabdingbar?
DR. H.-J. Urban: Wir meinen, dass über die neuen Gefährdungen für die psychische Gesundheit der Beschäftigten in den Betrieben ohne Tabus geredet werden können muss. Die Beschäftigten dürfen zunächst einmal keine Angst haben, ihre Befindlichkeits- und Gesundheitsstörungen zur Sprache zu bringen. Im zweiten Schritt wird es darum gehen, die vorhandenen Risiken im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung zu ermitteln und die Arbeitsorganisation präventiv zu gestalten.
Wen sehen Sie hier maßgeblich einbezogen?
DR. H.-J. Urban: Ich denke, da sind viele betriebliche Akteure gefragt, auch die Betriebsräte, aber natürlich auch die Betriebsärzte. Sie sollten aktiv mitwirken, ihre Kompetenzen einbringen und die Beschäftigten beraten. Vorab ist es notwendig, ein betriebliches Frühwarnsystem zu entwickeln, um gesundheitliche Belastungen zu erkennen.
Was sind schon jetzt Erfolge des betrieblichen Gesundheitsmanagements, und woran hapert es momentan noch?
Dr. R. Franke: Viele Gesundheitsförderungsprogramme haben ihren Nutzen nachgewiesen, sei es durch die Senkung der Arbeitsunfähigkeitszahlen, die Verbesserung der Leistungsfähigkeit oder der Motivation. In vielen erfolgreichen Unternehmen wurde inzwischen erkannt, dass sich das betriebliche Gesundheitsmanagement lohnt. Es mangelt aber leider noch an einem evidenzbasierten Return-on-Invest-Nachweis, systematischen Ansätzen unter Einbindung von Unternehmen und Sozialversicherungsträgern sowie an für Gesundheitsmanagement ausreichend qualifizierten Arbeitsmedizinern.
Was wünscht sich der Betriebsarzt gerade in Zeiten der Krise vom Management?
Dr. R. Franke: Weitsicht.
Herr Urban, können Sie das untermauern? Wie ist die Rolle der Führungsetage einzuschätzen, um zur psychischen Gesundheit beizutragen?
DR. H.-J. Urban: Ja, unbedingt. Nach unserer Auffassung kann auch das Management eine Menge tun. Fragen der Arbeitsorganisation oder Personalpolitik fallen nun einmal in dessen Aufgabenbereich und sind mitursächlich für die konkreten Anforderungen an die Menschen in den Betrieben.
Welche Auswirkungen könnte die Wirtschaftskrise langfristig auf die Gesundheit der Mitarbeiter haben?
Dr. Franke: Die durch die Krise bedingte höhere Arbeitslosigkeit führt bekanntermaßen zur Zunahme von chronisch Erkrankten. Da die Unternehmen weiter rationalisieren müssen, führt dies durch Arbeitsverdichtung zu einer Zunahme vor allem von psychosomatischen Erkrankungen. Zukunftsziel: Investitionen in die Gesunderhaltung statt nachträglicher Krankheitsreparatur
Wie kann das Gesundheitsbewusstsein zukünftig weiterhin gefördert werden?
Dr. Franke: Wichtig sind verhaltensmodifizierende Programme, in die alle Lebenswelten – beginnend im Kindergarten und in der Schule – eingebunden sind. DR. H.-J. Urba n: Unstrittig ist, dass die Gesundheitsressourcen jedes Einzelnen gestärkt werden müssen. Das setzt Kompetenzen voraus, die von Betriebsärzten vermittelt werden können. Aber ich denke, die Gestaltung der Arbeitsbedingungen, die Primärprävention, ist die Basis, die zur Gesundheit der Beschäftigten beiträgt.
Primärprävention und Gesundheitsmanagement – ist das die Patentlösung?
DR. H.-J. Urban: Diese beiden Bereiche sind zentrale Ansatzpunkte in den Betrieben. Wir wissen aber auch, dass es je nach Sozialstatus zum Teil erhebliche Unterschiede der Gesundheit und der Lebenserwartung der Menschen gibt. Das zeigt, dass wir es auch mit einer sozialen Frage zu tun haben, die nicht allein von der Arbeitsmedizin zu lösen ist.
Wie lautet Ihre Devise, um Belastungen vorzubeugen und selbst fit zu bleiben?
DR. H.-J. Urban: Gesund und fit können Menschen dann sein, wenn sie ohne soziale Not unter humanen Arbeitsbedingungen leben und etwas für ihre Gesundheit tun. Wenn hier die Voraussetzungen stimmen, ist eine vernünftige Balance zwischen Arbeit und Privatleben eine gute Grundlage für die eigene Fitness. Dr. Franke: Ich denke, jeder Mensch braucht Belastungen, um gesund zu bleiben – in der richtigen Dosis und mit ausreichend Regeneration. Getreu dem Motto: lieber gesund belasten statt krank schonen.
Vielen Dank für das Gespräch.