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06.04.11

Wertewandel im Unternehmen – Betriebsärzte vielfach gefordert

Werte sind Orientierungsmaßstab, nach dem Menschen ihr Denken, Fühlen und Handeln ausrichten, um Entscheidungen herbeizuführen und gleichzeitig das Fundament, auf dem ihre Persönlichkeit ruht. Als Betriebsärzte erleben wir immer wieder, dass Menschen, die sich über die für sie maßgeblichen Werte nicht klar sind, trotz durchaus klar formulierter Ziele planlos agieren und ihr Leben als sinnentleert empfinden.

Werte gelten für einzelne Menschen, für Unternehmen und die Gesellschaft. Sie unterliegen beständigem Wandel, gerade in der Arbeitswelt. Ihre Veränderung entscheidet auch über unsere Bedeutung als Betriebsärzte. Insofern ist das Wissen um den Wertewandel von existentieller Bedeutung für uns.

Und wie geht es weiter in unserer Arbeitswelt?
Deutschland wird älter – wie die meisten Länder in Europa – und damit die Belegschaften der Unternehmen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird zurückgehen. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften steigen. Junge werden älter, Alte werden jünger. Damit ist zu erwarten, dass Werte wie „Reife“ und „Erfahrung“ wieder wichtiger werden und Weisheit nicht mehr synonym für Trotteligkeit, sondern für reiche Lebensklugheit verwendet wird. Im Wettbewerb um Fachkräfte, aber auch wegen der Erwartungen der Beschäftigten, wird die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie viel wichtiger sein als heute. Betriebe, die Kindererziehung und Pflege von Angehörigen nicht im Blick haben, werden künftig gravierend im Nachteil sein. Aber auch Gesundheit wird eine größere Rolle in den Betrieben spielen: Die Inanspruchnahme von Gesundheitschecks und Health Programmen im oder veranlasst durch den Betrieb wird für viele Arbeitnehmer und Manager so selbstverständlich wie Gehalt und Karriereplanung sein. Vor diesem Hintergrund wird ihre Beschäftigungsfähigkeit („employability“) mutmaßlich essentiell, während sich die Lebensarbeitszeit gleichzeitig verlängern wird. Die Halbwertszeit des Wissens nimmt weiter ab. eine einzige Ausbildung reicht nicht mehr fürs ganze Berufsleben. Die meisten Menschen werden im Laufe des Lebens den Beruf mehrfach wechseln. Andererseits können sich Unternehmen erhöhte Fluktuation auch angesichts komplexer Arbeitsabläufe nicht mehr ohne weiteres leisten. Ihre Reputation muss gut sein, wenn sie Hochqualifizierte anziehen wollen. Erfahrenes Führungspersonal und ausländische Nachwuchskräfte werden wichtiger. Das Umfeld muss Lernen und Wissens austausch fördern – und das in Zeiten des Web 2.0, das den Umgang mit Wissen verändern wird. Hohe Investitionen in Weiterbildung und Personalentwicklung sind die logische wie notwendige Konsequenz.

Was bedeutet das für uns Betriebsärzte?
Gesundheit und die Gestaltung von Beziehungen werden eine zentrale Rolle in den hoch dynamischen Unternehmen der Zukunft spielen. Dabei treffen wir einerseits auf sehr autonom denkende und handelnde Menschen, denen tradierte Werte und Lebensgewohnheiten fremd geworden sind und die sich in herkömmlichen Beziehungen und Normen mit traditionellen Regeln und Gebräuchen kaum noch orientieren können. Andererseits brauchen auch diese Menschen Sicherheit, Stabilität und Anerkennung. Sie sind des Gefühls von Nähe und Akzeptanz sowie der Vermittlung eines Grundverständnisses alltäglicher Lebenspraxis bedürftig. In dem Meer der Versuchungen, Anregungen und Möglichkeiten suchen sie, was sie leiten, berühren und ihnen Angst nehmen könnte. Da kaum allseits akzeptierte Werte existieren, müssen Unternehmen die bei ihnen geltenden Regeln des Miteinanders und der Kommunikation unter diesen Umständen immer wieder neu definieren und kontinuierlich weiterentwickeln, um eine ausreichend stabile Basis für Motivation, Identifikation und Zusammenhalt der Beschäftigten zu legen. Nur so können Produktivität, Qualität und damit Unternehmenserfolg gesichert werden. Als Betriebsärzte können wir hierbei eine zentrale Stellung und wichtige Funktion im Unternehmen übernehmen: durch Mitwirkung bei der Wertefindung und Zieldefinition, durch Gestaltung von Prozessen im Unternehmen und nicht zuletzt durch individuelle ärztliche Unterstützung und Beratung. Um diese Rolle ausfüllen zu können, benötigen wir klassische ärztliche Fähigkeiten, aber auch Managementkompetenzen und Lebenserfahrung. Und ein glaubwürdiges eigenes Wertefundament, um das wir uns stetig zu bemühen haben, das uns selbst Stabilität und Orientierung verleiht und das uns nachhaltig trägt.


Dr. med Michael Vollmer
Sprecher der Sektion Selbstständige
Kontakt: michael.vollmer@vdbw.de