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Arbeitsmedizin

24.01.12

Psychische Gesundheit im Betrieb - Arbeitsmedizinische Empfehlung

am 17. November 2011 verabschiedet

Der Arbeitskreis „Psychische Gesundheit im Betrieb“ (AK 5 des Unterausschusses 2 / AfAMed) hatte seine Arbeit im September 2009 aufgenommen. Die nun verabschiedeten Empfehlungen richten sich primär an die Betriebsärztinnen und Betriebsärzte, sekundär auch an alle weiteren Akteure des betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutzes, die dadurch
die Beratungskompetenz von Betriebsärzten wahrnehmen und abfordern können.

Mitglieder des Arbeitskreises waren:

aus Wissenschaft und Forschung
» Prof. Dr. Antje Ducki, Arbeits- und Organisationspsychologie
» Prof. Dr. Thomas Becker, Psychiatrie und Psychotherapie und
» Privatdozent Dr. Reinhold Kilian, Soziologie und Versorgungsforschung im 
   Gesundheitswesen
aus dem staatlichen Arbeitsschutz
» Dr. Gabriela Petereit-Haack, Gewerbeärztin Hessen
von den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung
» Dr. Jens Petersen, VBG
aus dem Bundesverband der Betriebskrankenkassen
» Dr. Gregor Breucker
als Vertreter / in der ärztlichen Selbstverwaltungskörperschaften und Verbände
» Dr. Annegret Schöller, Bundesärztekammer
» Dr. Anne-Kathrin Krempien und Detlef Glomm für den Verband der 
   Deutschen Betriebs- und Werksärzte
» Dr. Joachim Stork für die DGAUM
» Dr. Stefanie Wagner für die Bundesvereinigung der Arbeitgeber
» Dr. Marianne Engelhardt-Schagen für die Gewerkschaften, zugleich Leiterin
   des Arbeitskreises
Dr. Brigitte Hoffmann vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat die Arbeit begleitet.
Dank an alle für ihr Engagement und ihre ambitionierte Arbeit!


Betriebsärztinnen und Betriebsärzte
haben als Berater von Unternehmen (nach ASiG) – der Geschäftsführung und der Mitarbeitervertretung, der Führungskräfte und der Mitarbeiter – eine Schlüsselstellung in allen Fragen von Arbeit und Gesundheit. Die Professionalität von Betriebsärzten besteht darin, medizinische Erkenntnisse und Erfahrungen zur Ätiologie und Pathogenese arbeitsbedingter Erkrankungen in die Perspektive salutogener  Arbeitsbedingungen zu übersetzen und die Verantwortlichen im Betrieb bei der Umsetzung kompetent zu beraten. Diese Expertise hat sich bei den "klassischen“ Gefährdungen in den letzten Jahrzehnten bewährt. Sie wird zunehmend auch für die neuen Herausforderungen in der Arbeitswelt nachgefragt. Die Empfehlungen sollen dazu anregen, diesen Auftrag nicht an andere Beratungssysteme „outsourcen“ zu lassen, sondern ambitioniert im Betrieb zu übernehmen.

Andererseits: Es gibt bereits eine Fülle von Leitfäden, Handlungshilfen und Broschüren zum Thema „Psychische Gesundheit im Betrieb“. Wozu also noch eine Empfehlung?

Hiermit kann den Betrieben ein bereits mit Sozialpartnern, Wissenschaftlern und Praktikern, Verbänden und Trägern der gesetzlichen Unfall- und Krankenversicherung abgestimmtes, beispielhaftes Konzept zum betrieblichen Vorgehen vorgelegt werden. Die Empfehlungen sollen die Betriebsärzte befähigen, Arbeitgeber und Beschäftigte gut zu beraten: Arbeitgeber bei der Analyse (Gefährdungsbeurteilung) und Maßnahmeplanung zur Optimierung der betrieblichen Rahmenbedingungen, Beschäftigte bei der Erhaltung ihrer psychischen Gesundheit.

Die Empfehlungen werden im ersten Quartal 2012 in einer Broschüre des BMAS vorgelegt. Die vier Kapitel stellen dar:

» Grundlagen
» Perspektiven und Methoden
» Betriebliche Beispiele
» Erfolgsfaktoren

Im Kapitel Grundlagen werden zunächst die Eckdaten zur Arbeitsunfähigkeit infolge von psychischen Erkrankungen benannt. Der Bezug zur Rolle der Betriebsärztinnen und Betriebsärzte und deren Möglichkeiten zur Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit durch Vorschläge zur Primär-, Sekundär-, und Tertiärprävention umreißen das Handlungsfeld. Auf dreizehn Seiten werden die Kontextfaktoren für die Handlungsmöglichkeiten im Betrieb, die Ätiologie psychischer Erkrankungen und die Bedeutung beruflicher Tätigkeit in den
aktuellen Entwicklungen der Arbeitswelt zusammengefasst.

Das Kapitel Perspektiven und Methoden behandelt die Möglichkeiten der „Frühdiagnostik“ von Gefährdungen für den Erhalt psychischer Gesundheit im Betrieb. Hierzu ist aus Sicht des Arbeitskreises die betriebliche Gefährdungsermittlung und -beurteilung unverzichtbar, ohne die es unmöglich
ist, unternehmensspezifische Herangehensweisen und Interventionen zu planen (12 Seiten). Empfohlen wird das auch vom VDBW propagierte Drei-Stufen-Modell.

Insbesondere zu diesem Kapitel gab es zunächst kontroverse Einschätzungen darüber, ob es zielführend sei, konkrete Methoden vorzustellen, könnte doch der Eindruck entstehen, dass die vielen anderen Verfahren weniger gut geeignet wären. Da in der Praxis die Schwelle für die Erhebung von psychischen
Risiken in der Arbeit besonders hoch ist, war es das Interesse des Arbeitskreises, partizipative Gruppenverfahren als eine leicht umsetzbare mögliche Variante des betrieblichen Screenings vorzuschlagen und gleichzeitig auf andere in der BAuA-Toolbox zusammengestellte Instrumente und Methoden zu verweisen.

Außerdem wird Betriebsärzten die Kooperation mit dem staatlichen Arbeitsschutz, den Trägern der gesetzlichen Unfall-, Renten- und Krankenversicherung, aber auch mit den niedergelassenen Fachärzten und Psychotherapeuten nahe gelegt.

Im Kapitel Betriebliche Beispiele werden Handlungsansätze zur Stärkung der Gesundheitspotentiale auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse dargestellt: betriebliche Lösungen zu den Themen „Umgang mit Konflikten“, „Prävention posttraumatischer Belastungsstörungen“, „Reflexionsmöglichkeiten durch Supervision“ und Stressprävention (Verhaltens- und Verhältnisprävention)“ (7 Seiten).

Das Kapitel Erfolgsfaktoren rundet die Empfehlungen ab (3 Seiten) und verweist auf den wichtigen Umstand, dass Fach- und Sozialkompetenz der Betriebsärzte, ihre für den Betrieb wertvolle Expertise, umso mehr Wirkung entfalten können, je höher der Stellenwert des Themas Gesundheit für Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung sind.

Ich wünsche dem Konsenspapier als Empfehlung für betriebsärztliches
Handeln im Feld „Psychische Gesundheit“ eine mindestens so weite Verbreitung wie dem „Ratgeber zur Erfüllung betriebsärztlicher Aufgaben“, der 1986 vom BMAS herausgegeben wurde. Der „Ratgeber“ hat einer Generation von betrieblich tätigen Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmedizinern zu einem neuen Selbstverständnis verholfen: dass Betriebsärzte, wenn sie wirksam sein wollen, sowohl den einzelnen Menschen, als auch die betrieblichen Rahmenbedingungen im Blick haben müssen.

In die Empfehlung „Psychische Gesundheit im Betrieb“ war auch der Unterausschuss (UA) II „Allgemeine betriebliche Gesundheitsvorsorge” des AfAMed stark involviert. Unter der Leitung des UA-Vorsitzenden Dr. Wolfgang Panter haben die dort engagierten Mitglieder dazu beigetragen, dass diese Empfehlungen nach intensiven fachlichen Beratungen und Abstimmungen verabschiedet werden konnten.
Im UA II wirken Dr. Wolfgang
Panter (Vorsitzender), Dr. Joachim Bischof, Dr. Marianne Engelhardt-Schagen, Dr. Christoph Oberlinner, Petra Müller-Knöss, Dr. Gabriela Petereit-Haack, Dr. Annegret Schoeller, Hildegard Scholz, Dr. Joachim Stork, Dr. Andreas Tautz, Dr. Stefanie Wagner und Dr. Anette Wahl-Wachendorf.

Autorin:
Dr. Marianne Engelhardt-Schagen
» Fachärztin für Arbeitsmedizin
» Supervisorin (DGSv)
Kontakt: betriebsaerztin@no-spam.udk-berlin.de


Publikation
Psychische Gesundheit im Betrieb - Arbeitsmedizinische Empfehlung
[PDF, 428KB]