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Arbeitsmedizin

06.04.11

Ist Vorbeugen besser als heilen? oder: Arbeitsmediziner sind auch Ärzte

„Vorbeugen ist besser als heilen“. Ein eingängiger Satz, dem man nur schwer widersprechen kann. Wir benutzen ihn auch, um den ärztlichen Kollegen oder der Öffentlichkeit die Ausrichtung unseres Fachgebietes zu erklären. Gleich am Anfang formuliert unser VDBW-Leitbild: „Die Arbeitsmedizin erfüllt einen wesentlichen Teil des präventiven Auftrags in dem medizinischen Versorgungssystem der Bundesrepublik Deutschland.“

Die Idee der Prävention ist völlig in Ordnung. Dennoch kennen wir mindestens eine Situation, in der präventives Vorgehen nicht mehr das Optimum darstellt: Nämlich genau dann, wenn das Problem, das wir verhindern wollten, eingetreten ist.

Der Arbeitsmediziner hat jetzt zwei Reaktionsmöglichkeiten: Er kann seinem Patienten sagen: „Hoppla, jetzt sind Sie doch tatsächlich krank geworden. Da muss ich Sie gleich zu einem richtigen Arzt überweisen.“ Die verschärfte Variante wäre, dass der Arbeitsmediziner von der Erkrankung gar nichts erfährt, weil der Patient denkt, sein Vorsorgespezialist interessiere sich nicht für Erkrankungen. Alternativ könnten wir sagen: „Lieber Patient, ich sehe, es geht Dir nicht gut. Ich will Dir mit meinen Mitteln so gut wie möglich helfen.“ Es bleibt immer eine individuelle Entscheidung, wie weit der einzelne Arbeitsmediziner dabei gehen kann und möchte. Auch ein Chirurg operiert nicht wahllos jeden Patienten.

Vier typische Probleme begegnen mir immer wieder und stellen mich vor eine therapeutische Frage:

» Bluthochdruck, neu diagnostiziert: Warum soll ich den bei unkomplizierten   
   Fällen nicht selbst einstellen?

» Anpassungsstörung, akute Lebenskrise: Warum soll ich nicht selbst ein        
   stützendes therapeutisches Gespräch führen?

» Rückenschmerz: Warum soll ich nicht selbst beraten, Schmerzen behandeln 
   und evtl. eine Verordnung für Physiotherapie oder medizinische      
   Trainingstherapie ausstellen?

» Toxische Kontaktdermatitis: Warum soll ich nicht selbst beraten und eine      
   topische Therapie einleiten?

Verbietet uns die Weiterbildungsordnung das therapeutische eingreifen? Ich glaube nicht. Bei meiner zuständigen Ärztekammer in Baden-Württemberg ist z.B. zu lesen: „Das Gebiet Arbeitsmedizin umfasst … die Vorbeugung, Erkennung, Behandlung und Begutachtung arbeits- und umweltbedingter Erkrankungen und Berufskrankheiten, …“ Handelt es sich bei den Erkrankungen um arbeitsbedingte? Viele Patienten sehen es zunächst so. Warum sollten wir ihnen widersprechen?

Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass alle Arbeitsmediziner jedes anfallende Problem behandeln können. Es gibt aber auch keine Gründe einer dauerhaft therapeutischen Abstinenz, wenn bestimmte Regeln der Professionalität beachtet werden:

» Die Einwilligung des Mitarbeiters in eine therapeutische Arzt-Patienten-        
   Beziehung ist eine selbstverständliche Grundvoraussetzung.
» Die Beschränkung auf die individuell unterschiedlichen therapeutischen     
   Fertigkeiten ist eine weitere wichtige Voraussetzung. Viele 
   Arbeitsmediziner können hier jedoch durch zusätzliche
   Fachgebietsbezeichnungen ein breites therapeutisches Spektrum vorweisen.
» Selbstverständlich müssen sich unsere therapeutischen Aktivitäten an den  
   Standards (Qualität, Fort- und Weiterbildung) der jeweils berührten     
   Fachgebiete orientieren.

Zu diskutieren ist, ob wir das therapeutische Spektrum in der Arbeitsmedizin weiterhin eher dem Zufall überlassen wollen. Alternativ könnte die Weiterbildungsordnung einen Katalog von sinnvollen therapeutischen Fertigkeiten definieren und damit deutlich machen, dass Arbeitsmediziner auch Ärzte in der „unmittelbaren Patientenversorgung“ sein können. Lassen Sie uns daran arbeiten, die Arbeitsmedizin als wirksame und sichtbare „Medizin“ zu bewahren.


Zur Person
Dr. med. Stephan Schlosser
Facharzt für Arbeitsmedizin und Innere Medizin
Leiter Gesundheitszentrum TRUMPF Werkzeugmaschinen GmbH + Co. KG
Kontakt: stephan.schlosser@no-spam.de.trumpf.com

 
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