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Arbeitsmedizin

06.04.11

Wissenschaftliches Arbeiten unter dem Aspekt des „Return of Investment“ für die betriebsärztliche Tätigkeit

Dr. Elisabeth Frost, Ärztin für Betriebs- und Notfallmedizin, Fachärztin für Anästhesiologie


Wissenschaftliches Arbeiten unter dem Aspekt des „Return of Investment“ für die betriebsärztliche Tätigkeit

Die arbeitsmedizinische Herausforderung bei der Betreuung von 2.500 Mitarbeitern an Bildschirmarbeitsplätzen beschränkt sich nicht auf die korrekte Durchführung der G37. Immer deutlicher treten neben den muskuloskeletalen Problemen die psychischen Beanspruchungen in den Vordergrund und damit die Wichtigkeit eines umfassenden betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Sinn und Nutzen einer betrieblichen Gesundheitsförderung sind zwar anerkannt, bei der Art und Weise der Durchführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements, ob z. B. ein Herz-Kreislauf-Training effektiver ist als ein Training zur Kräftigung der Rückenmuskulatur, mangelt es jedoch an wissenschaftlichem Nachweis. Über eine wissenschaftliche Studie die Genehmigung für ein großzügig ausgestattetes Fitnessstudio (für das Actiwell-Modell) im Unternehmen zu bekommen und gleichzeitig einen Nachweis für die Wirksamkeit der seit einigen Jahren im Unternehmen durchgeführten Kurse „Anatomisches Funktionstraining“ zu erzielen, war ausschlaggebend für die Durchführung. Großzügige Unterstützung wurde über das Forschungsinstitut für Balneologie, Prävention und Rehabilitation Bad Pyrmont gewährt. Alle physiotherapeutischen Leistungen sowie die orthopädischen Untersuchungen und die gesamte statistische Auswertung wurden vom Institut übernommen. Wissenschaftliche Leitung übernahm Prof. Dr. med. Gutenbrunner, Medizinische Hochschule Hannover.

Studientitel: Vergleichende Untersuchung des Einflusses von „Anatomischem Funktionstraining“ mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagementmodell „Actiwell“ im Hinblick auf Lebensqualität, Schmerzen und Arbeitsunfähigkeit bei Mitarbeitern der BHW Bausparkasse AG. Eine prospektive randomisierte kontrollierte Pilotstudie. Nach Genehmigung des Studienplans durch die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover und Genehmigung seitens des Vorstandes, des Betriebsrates und des Arbeitskreises Gesundheit der Postbank AG – Standort Hameln- / BHW Bausparkasse AG, wurden 60 Mitarbeiter über die betriebsärztliche Praxis rekrutiert. Voraussetzung waren chronische Rückenbeschwerden funktioneller oder degenerativer Art und mindestens fünf Fehltage aufgrund dieser Beschwerden in den letzten sechs Monaten. Über einen Zufallsgenerator wurden jeweils 20 Probanden den drei Gruppen zugeordnet: Anatomisches Funktionstraining (Gruppentraining), Actiwell (Gerätetraining), Kontrollgruppe. Primärer Zielparameter war eine 10 %ige Reduktion der AU-Tage, sekundäre Zielparameter waren Schmerzreduktion und Verbesserung der Lebensqualität.

Vor Beginn der 6-monatigen Interventionsphase wurde bei jedem Probanden eine orthopädische Untersuchung durchgeführt. Fehlzeiten innerhalb der letzten sechs Monate abgefragt, Rückenschmerzen anhand des Funktionsfragebogens Hannover, Parameter der Lebensqualität (Wohlbefinden, Stress beruflich und privat, allgemeine Schmerzen) mittels des Fragebogens SF36, beziehungsweise einer Skaleneinteilung von 1–10 erfasst. Das „Anatomische Funktionstraining“ stellt die korrekten Halte- und Stabilisationsketten über das Training der stabilisierenden Muskelketten her. Nach einer Bewegungsanalyse werden kompensatorisch eingesetzte Bewegungsketten dokumentiert und dem Probanden erklärt. Nach Bewusstwerden der Fehlhaltung und kompensatorischem Muskelketteneinsatz werden korrekte Abläufe eingeübt. In einigen Fällen muss vorab aktives Mobilisieren von Gelenken (z.B. unteres Sprunggelenk) eingesetzt werden, um korrekte Bewegungsabläufe zu ermöglichen. Es erfolgt ein Gruppentraining vom Fuß zum Kopf, das die Haltemuskulatur in ihren Funktionen kräftigt.

Die Methode Actiwell ist eine Form von kombiniertem Gerätetraining. Nach einem individuellen Physio-Check-Up zur Überprüfung der Ausdauerleistungsfähigkeit und computergestützter Ermittlung der Maximalkräfte des Rumpfes, wird ein individueller Trainingsplan entwickelt. Über die eingesetzte Software wird eine Anpassung des Programms vorgenommen.

Am Ende der Interventionsphase erfolgten die identischen Erhebungen mit den gleichen Fragebögen und Untersuchungen wie zu Beginn. Die Auswertung wurde in komplett anonymisierter Form an das Auswertungszentrum weitergeleitet und verblendet ausgewertet. Deutliche Unterschiede in den Resultaten zwischen den aktiven Gruppen und der Kontrollgruppe, die lediglich beobachtet wurde, ergaben sich bei den sekundären Zielparametern: Signifikant besser schnitten die beiden aktiven Gruppen nach der Interventionszeit hinsichtlich Selbsteinschätzung von Schmerz, Wohlbefinden, beruflichem und privatem Stress ab. Auch der Fragebogen SF36 (Verbesserung der Lebensqualität) ergab eine Verbesserung aller acht Dimensionen in beiden Aktivgruppen, wobei eine signifikante Verbesserung für die körperlichen Parameter und das psychische Wohlbefinden festzustellen war. Hoch signifikant und sehr deutlich zeigten sich die Ergebnisse hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeitszeiten als primärem Zielparameter, die sich in der Kontrollgruppe nur unwesentlich veränderten, in beiden Aktivgruppen um durchschnittlich pro Proband etwa 12 Tage zurückgingen. Ein deutlicher Unterschied zwischen beiden Aktiv-Trainings-Methoden konnte nicht gefunden werden. Es ist durch den Vergleich mit der bereits evaluierten Methode „Actiwell“, für das „Anatomische Funktionstraining“  ein Wirksamkeitsnachweis gelungen. Für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter, sei es die Zeiten unabhängige Trainingsmöglichkeit im firmeneigenen Fitnesscenter, oder der positive Gruppendruck im „Anatomischen Funktionstraining“, wurden so zwei effektive Methoden des körperlichen Trainings im Unternehmen geschaffen. Darüber hinaus konnte ein direkter positiver Zusammenhang mit dem eigenen Stressempfinden, sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich, nachgewiesen werden. Der im Unternehmen zu etablierende Präventivansatz „Minderung psychische Belastung“, über Coaching und Tai-Chi, gesund Führen für Führungskräfte und Burnout-Prophylaxe, bekommt über diesen Nachweis ein weiteres, einfach zu vermittelndes Instrument zur Verfügung.

Entscheidende Herausforderung für die Zukunft wird es sein, die Strategien zur Teilnahme-Motivation zu steigern.

Der Ansatz, im betriebsmedizinischen Alltag eine wissenschaftliche Studie durchzuführen, erfordert zwar einiges an Zeit und Energie, wird jedoch seitens der Unternehmensleitung und der Mitarbeiter sehr positiv bewertet. Insofern gibt es für die betriebsärztliche Tätigkeit einen sehr guten „Return of Investment“. Das gut besuchte Fitnesscenter mit physiotherapeutischer Betreuung und das Gruppentraining „Anatomisches Funktionstraining“ (vier Gruppen) sind inzwischen sichere Bausteine für unser betriebliches Gesundheitsmanagement. Große Anerkennung für die betriebsärztliche Tätigkeit durch die höchst erfreulichen Resultate der Studie ist eine erfolgversprechende Basis für weitere Projekte.