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Arbeitsmedizin

08.07.10

Interview mit Professor Dr. Monika A. Rieger: Präventionsforschung in der Arbeitsmedizin

Universitätsprofessorin Monika A. Rieger leitet seit 18. November 2009 den Lehrstuhl für Arbeits- und Sozialmedizin am Institut für Arbeits- und Sozialmedizin am Universitätsklinikum Tübingen. „Eine wunderbare Aufgabe mit zahllosen Möglichkeiten“, sagt die 42-jährige gebürtige Freiburgerin, die an der Privat-Uni Witten-Herdecke forschte, bevor sie nach Tübingen kam und das Institut  seit 2008 zunächst kommissarisch führte.

1.    Prof. Rieger, Sie haben den Lehrstuhl für Arbeits- und Sozialmedizin am Institut für Arbeits- und Sozialmedizin des Universitätsklinikums Tübingen übernommen. Herzlichen Glückwunsch! Worin sehen Sie Ihre größte Herausforderung?
- Zunächst: Das Institut weiter so auf- und auszubauen, dass es zu einem wesentlichen und als unverzichtbar geschätzten Teil der Fakultät wird und so sein Bestand langfristig gesichert ist. Zurzeit entstehen dort dank der finanziellen Unterstützung des Instituts durch den Arbeitgeberverband SÜDWESTMETALL viele neue Arbeitsplätze – die würde ich natürlich gerne langfristig erhalten und sichern.

- Zweitens: Das Fach für den medizinischen Nachwuchs interessant und attraktiv zu vertreten und zugleich Ansprechpartnerin für die Fragen aus der betriebsärztlichen Praxis zu sein, diese in Forschungsfragen zu übersetzen – und zu beantworten.

- Und nicht zuletzt bleibt eine Herausforderung für mich selbst, an meiner Work-Life-Balance zu feilen: Damit ich selbst in den kommenden Jahrzehnten leistungsfähig bleibe und meine Arbeit weiter mit so viel Freude und Energie versehen kann wie aktuell.

2.    Was treibt Sie an? Was wollen Sie für die Arbeitsmedizin in Deutschland verändern?
Meine große Freude an der Gewinnung und Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnissen, am Gestalten, und sicher auch ein guter Teil mein Ehrgeiz und die Freude am Erfolg in der Arbeit – all das würde ich zu meinen Antriebsfedern zählen.

Für die deutsche Arbeitsmedizin sehe ich Bedarf an einer engeren Verzahnung von Praxis und Forschung. Mein Herz schlägt sozusagen für die Versorgungsforschung im Fach Arbeitsmedizin. Das heisst: relevante Fragestellungen aus der Arbeitswelt, denken Sie an den demographischen Wandel aber auch aktuelle Entwicklungen wie neue Produktionssysteme oder die zunehmende Entgrenzung von Arbeit, als Gegenstand einer Forschung, die sich an gesellschaftlichem Bedarf und Bedürfnissen orientiert.

3.    „Wenn die Nacht zum Tag wird“ – Ihre Antrittsvorlesung beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Schichtarbeit. Wo möchten Sie künftig weiterforschen? Und persönlich: Arbeiten Sie lieber tagsüber oder bis spätabends?
Nun, Sie wissen, dass beispielsweise die Frage, ob und inwiefern Nachtarbeit potentiell kanzerogen sein könnte, noch nicht schlüssig beantwortet ist. Damit unmittelbar verbunden sind natürlich auch Fragen nach möglichen protektiven Faktoren und zwar sowohl im Sinne der Verhaltens- wie auch der Verhältnisprävention.

Und sowohl unter arbeits- wie auch unter sozialmedizinischen Aspekten, die Sozialmedizin ist ja ein weiterer Schwerpunkt in meinem Institut, interessieren mich auch psychophysiologische und systemische Fragestellungen.

Ich selbst arbeite eindeutig am liebsten tagsüber, gerne auch schon in den frühen Morgenstunden. Leider reicht aber selbst ein 10-Stunden Tag in meiner Position oft nicht aus, so dass ich mich recht häufig sozusagen von einer Lerche in eine Eule verwandeln muss.  

4.    Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Bereich Versorgungsforschung, Arbeitsfähigkeit älter werdender Beschäftigter, muskuloskelettale Belastungen und psychische Gesundheit. Sie erforschen u.a., wie Lebensbedingungen den Umgang mit Stress beeinflussen. Was sollten Betriebsärzte und Arbeitnehmer für psychische Gesundheit von Mitarbeitern in Unternehmen tun?
Das Thema Arbeitsbelastungen lässt sich nicht diskutieren, ohne die Seite der Beanspruchungen zu untersuchen. Was dem einen noch Herausforderung ist, stellt sich dem anderen als Stress dar. Aber auch: was dem einen zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens als hoher Stress erscheint, das erlebt er selbst zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt vielleicht als interessante Anforderung. Natürlich kennen wir objektive Kriterien für Überlastungen - und da wird in den Betrieben erfreulicherweise ja auch schon Vieles getan, sowohl in der Arbeitsgestaltung wie auch hinsichtlich kompensatorischer, regenerativer Angebote. Mir erscheint daneben die Betrachtung inter- und intraindividueller Unterschiede von Belang. Nicht zuletzt im Hinblick auf die muskuloskelettalen Belastungen z.B. in neuen Produktionssystemen sehe ich konkreten wissenschaftlichen Handlungsbedarf in der Anpassung der Arbeitsanforderungen, -rhythmen und -organisation auch an immer älter werdende Belegschaften. Daneben ist generell die gezielte Förderung Älterer unabdingbar, um der Arbeit weiter gerecht werden zu können – das gilt für den Dienstleistungssektor ebenso wie für die Industrie und KMUs.

5.    Welchen Ausgleich finden Sie neben der Arbeit?
Ich bewege mich gern und liebe die Natur, die ich versuche, so oft als möglich wandernd und radelnd zu erkunden. Aber auch Musik, der Besuch klassischer Konzerte, gibt mir Kraft. Leider habe ich zu wenig Zeit, um meine Freundschaften regelmäßig zu pflegen – das fehlt mir oft.

6.    Sie leiten ein Allrounder-Institut, das nicht nur Aufgaben in der Lehre, Forschung, Fort- und Weiterbildung wahrnimmt, sondern auch in die Patientenbetreuung des Uniklinikums eingebunden ist und verschiedene Unternehmen betriebsärztlich betreut. Welche „Disziplin“ ist Ihnen am liebsten?
Ich bin begeisterte Wissenschaftlerin, und ich liebe die Lehre. Gleichzeitig bin ich sehr gerne Ärztin. Deshalb kommt es mir sehr entgegen, dass die Arbeit in meinem Institut so vielfältige Ebenen und Aspekte einschließt.

7.    Viele Medizinstudenten  beklagen das „trockene“ Image der Arbeitsmedizin, das ihnen während des Studiums vermittelt wird. Was können Sie daran ändern, und warum würden Sie jungen Medizinern empfehlen, Arbeitsmediziner zu werden?
Gerade die Nachwuchsförderung ist ein Punkt, an dem wir in Tübingen gezielt ansetzen. In Zusammenarbeit mit Betriebsärztinnen und Betriebsärzten der Region führen wir die Lehrveranstaltung „arbeitsmedizinische Betriebsbegehung“ durch und konnten hierbei die Gruppengröße der Studierenden auf circa 20 Personen reduzieren. Diese Gruppe wird dann häufig geteilt, so dass sich letztlich 10 Studierende intensiv mit den Arbeitsbedingungen vor Ort auseinandersetzen und ihre Beobachtungen anschließend in einer Nachbesprechung den KommilitonInnen vorstellen. Durch das breite Spektrum an beteiligten Firmen und Institutionen wird mancher Einblick in die regionale Wirtschaft möglich – von der Arbeit in Wald und Forst zur Polizei und bis hin zu Automobilzulieferern oder PKW-Herstellern. Eine weitere  zunehmend beliebte Veranstaltung ist ein einwöchiges Praktikum bei einem Betriebsarzt, dessen inhaltliche Gestaltung wir unterstützen. Die Evaluationen durch die Studierenden gehen häufig darauf ein, dass gerade diese Einblicke in die praktische Tätigkeit der KollegInnen vor Ort wichtig sind, um das Fach Arbeitsmedizin besser kennen zu lernen. Daneben fokussieren wir in der Lehre vor allem auf den Aspekt: was muss der Hausarzt von der Arbeitsmedizin wissen? Eine Lehre mit hohem Praxisbezug eben.

Ein Problem ist in Tübingen sicherlich die Position unserer Lehrveranstaltungen im Studium: als vorletztes Fach vor dem Praktischen Jahr fallen wir in eine Zeit, wo sich die Studierenden um vieles kümmern wollen und müssen, und das Interesse an unserem ja doch eher kleinen Fach generell eher gering ist. Eine Verankerung ein Jahr früher im Studium wäre sicherlich besser für das Interesse an der Arbeitsmedizin und der Sozialmedizin. 


Jungen Medizinern versuche ich zu zeigen: Arbeitsmedizin ist ein sehr breites Fach mit unglaublich vielen Möglichkeiten. Und ich hoffe, dass meine Begeisterung für das Fach spürbar wird…

8.    Was wünschen Sie sich und den Betriebs- und Werksärzten für die Zukunft?
Da ist das Spektrum sicherlich ein wenig unterschiedlich in einer akademischen Institution und „draußen“ in der Praxis. Gemeinsam benötigen wir qualifizierten Nachwuchs, eine gute Lobby und die verdiente Anerkennung in der Gesellschaft – dies käme dann hoffentlich auch wieder den arbeitsmedizinischen Instituten an den Universitäten zugute.

 
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