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Arbeitsmedizin

19.04.10

Prospektive Ergonomie rechnet sich – Wirkungsvoller als Nachbesserung

Kurzfassung
Gut gestaltete Arbeit hilft Fehlbelastungen zu vermeiden, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu erhalten und die Motivation der Mitarbeiter zu fördern. Hier setzen die MTM-Ergonomie-Werkzeuge (ERGO-Check, E-learning-System GAG, ergonomicsExpress und MTMergonomics®) an. Ihr Ziel ist es, in der Konzeptphase der Fertigungsplanung physische Belastungen zu prognostizieren und in der laufenden Produktion ergonomische Defizite zu erkennen, zu bewerten und zu beseitigen.
Autor: Dr. Steffen Rast, Deutsche MTM-GEsellschaft

Einleitung
Häufig besteht bei der Gestaltung von Arbeitssystemen ein Widerspruch in der  Planung zwischen der Ergonomie und Effizienz. Die Problematik verschärft sich dadurch, dass ergonomische Defizite meist erst dann sichtbar werden, wenn die Mitarbeiter im Arbeitssystem tätig sind oder es zu krankheitsbedingten Ausfällen kommt.

Ziel ist es daher, die zeitliche Lücke zwischen Prozessplanung und späterer ergonomischer Bewertung zu überwinden, so dass die Synergien zwischen Ergonomie und Effizienz besser genutzt werden können. MTM (Methods-Time Measurement; Landau, K. 2007) fasst die Erfordernisse von konzeptiver bzw. prospektiver Ergonomie zusammen. So werden in der frühen Planungsphase von Produkt und Produktion ergonomische, organisatorische und technische Gestaltungsmaßnahmen am effizientesten aufeinander abgestimmt, da der Gestaltungsspielraum hier am größten ist.  


Ziele
Die ganzheitliche Gestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsbedingungen entsprechend einer ergonomischen und ökonomischen Zielstellung lässt sich nur umfassend realisieren, wenn bereits in der Planungsphase eines Arbeitssystems ergonomische Erkenntnisse einbezogen werden. Daher sollte möglichst früh mit der Ergonomie umgegangen werden. Die Evaluierung der ergonomischen Belastungen erfolgt nach dem 3-Zonen-Bewertungssystem (Ampelprinzip, EN 614). In Abhängigkeit von den dabei vergebenen Punktsummen erfolgt gemäß CEN (EN 1050) ISO Richtlinien (ISO Guide 51) eine Risikobewertung durch Zuweisung einer Ampelfarbe (≤ 25 Punkte grün, > 25 bis ≤ 50 Punkte gelb und > 50 Punkte rot).

Die Verbindung von MTM (z. B. Prozessbausteine UAS, universelles Analysier-System) und Ergonomie (z. B. Standardergonomie-Verfahren EAWS, European Assembly Worksheet) erfolgt im Softwaremodul MTMergonomics®, ein offenes integratives Softwaremodul der MTM-TiCon® Familie. Diese Software ermöglicht, bereits zum Planungszeitpunkt physische Belastungen zu prognostizieren (Schaub et al. 2006). 

Die herkömmliche Gestaltung von Arbeitssystemen und –abläufen sowie deren Optimierung wird bisher nicht zwangsläufig in der Kombination mit einer ergonomischen Risikoabfrage durchgeführt, weil dazu die entsprechenden Werkzeuge fehlten. Ergonomieanalysen und deren Durchführung sind jedoch für den Arbeitgeber verpflichtend und deren Anwendung in zahlreichen Gesetzen verankert. Durch das Geräte- und Produktsicherheitsgesetz soll perspektivisch gewährleistet werden, dass bei der Gestaltung von Maschinen und Anlagen durch Konstrukteure und Gestalter Sicherheit und eine menschengerechte Gestaltung gewährleistet wird (Kiepsch, H.-J. et al. 2007). So sind u. a. nach Maßgabe der EU-Richtlinien und zahlreicher zugehöriger Normen sowohl vom Konstrukteur bzw. Maschinenhersteller (Maschinen-Richtlinie 98/37/EG (89/392/EWG)) ergonomische Risikoanalysen, als auch vom Betreiber eine Gefährdungsbeurteilung (Rahmen-Richtlinie 89/391/EWG) durchzuführen (Bokranz, R.; Landau, K. 2006).

Anwendung im Unternehmen
Die erfolgreiche Einführung der Ergonomie in einem Unternehmen setzt jedoch einen Ergonomieprozess voraus, der seinerseits geeignete betriebliche Strukturen und Ergonomie-Werkzeuge zur Prognose und Bewertung der Arbeitsabläufe erfordert. Grundlage für den korrekten Umgang mit solchen Werkzeugen ist ein Ergonomietraining, das ergonomisches Grundlagenwissen vermittelt und auch das korrekte Anwenden der Werkzeuge selbst schult. Darüber hinaus muss auf allen betrieblichen Ebenen der Nutzen eines Ergonomieprozesses bekannt sein und gelebt werden.

Ergonomische Arbeitsgestaltung ist in frühen Projektphasen am effizientesten, da der Gestaltungsspielraum hier noch am größten ist. Daher sollte versucht werden, möglichst früh mit MTMergonomics® in Verbindung mit MTM-Planungsanalysen bzw. unternehmensspezifischen Datenkarten zu beginnen. Grundlage dafür sind die mit MTM- u. a. Prozessbausteinen modellierten Prozesse, hierfür wurde ein Standardvorgehen entwickelt (Deutsche MTM-Vereinigung e.V. 2009).

Ziel  dieser Herangehensweise ist es, alle Arbeitsplätze im Unternehmen mit einem vertretbaren Aufwand ergonomisch zu bewerten und Gestaltungsansätze für Arbeitsplätze mit gefundenen Engpässen, hohen Belastungen zu definieren, um diese zu reduzieren.

Im ersten Schritt wird das Schnellscreening-Ergonomie-Verfahren „ergonomicsExpress“ je Arbeitsplatz anhand von 5 Leitfragen durchgeführt. Ergebnis von - ergonomicsExpress ist eine Ergonomielandkarte als Input für weitere ergonomische Untersuchungen. Im exemplarischen Beispiel war jeder vierte Arbeitsplatz gestaltungsbedürftig. Mit dem zweiten Schritt der ergonomischen Grundbewertung mit verdichteten ergonomischen Einflussgrößen – MTMergonomics® mit Ergonomie-Datenkarten entstehen für die Arbeitsplätze mit ergonomischen Defiziten Bewertungen in Form von 2 Ampeln hinsichtlich Belastungen auf den gesamten Körper und der oberen Extremitäten mit dem Verfahren EAWS. Durch Mausklick werden mehrere ergonomische Einflussgrößen bezogen auf den unten dargestellten Prozessbaustein eingestuft, z. B. Verbauort Produkt, Körperhaltung, Gewichtsklasse, Entfernungsbereich und Greifweite. Anschließend entsteht mit MTMergonomics® pro Prozessbaustein der anthropo-kinetische Datensatz, wo jede Einflussgröße von der Arbeitshöhe bis zur Auslenkung des Handgelenkes betrachtet wird. Die so gefundenen ergonomischen Belastungen werden mit dem Gestaltungskatalog von MTM reduziert bzw. beseitigt. Durch die hohe Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Risikobewertung kann schneller der Handgriff oder die Bewegung lokalisiert werden, bei denen die Belastung auftritt.

Ergebnisse
Schon in frühen Entstehungsphasen industrieller Produkte werden Fertigungszeiten auf Basis von MTM ermittelt. Dabei wird besonderes Gewicht auf die Verknüpfung von ergonomischen, organisatorischen und zeitbezogenen Einflussgrößen gelegt. Änderungen in der Fertigungsplanung können dann z. B. ungünstige Belastungen eliminieren oder mindern und zu einer Verbesserung der prognostizierten bzw. erreichten ergonomischen Gestaltungsgüte führen.

So sind standardisierte Werkzeuge entstanden, die auf der Grundlage einer durchgängigen Datenbasis zur Strukturierung, Beschreibung und Gestaltung manueller Tätigkeiten und zur Verknüpfung mit modernen Ergonomie-Verfahren führen. Die Anwendung dieser Werkzeuge bewirkt eine interdisziplinäre Vernetzung der einzelnen Unternehmensbereiche und schafft ein innovationsfreudiges Umfeld für ein sicheres und gesundes Unternehmen. 

Literatur

1.     Landau, K. 2007, Lexikon Arbeitsgestaltung. Best Practice im Arbeitsprozess, Stuttgart: Gentner Verlag, 1. Auflage, S. 906-910

2.     Schaub, K.; Britzke, B.; Sanzenbacher, G.; Jasker, K. & Landau, K. 2004, Ergonomische Risikoanalysen mit MTM-Ergo. In: Montageprozesse gestalten: Fallbeispiele aus Ergonomie und Organisation, Stuttgart: ergonomia Verlag, S. 175-199

3.     Kiepsch, H.-J.; Decke, C. & Harifinger-Woitzik, G. 2007, Mensch und Arbeitsplatz, BG-Information-BGI 523, S.103-108

4.     Bokranz, R. & Landau, K. 2006, Produktivitätsmanagement von Arbeitssystemen. MTM-Handbuch, Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag, S. 311-314, S. 533-757

5.     Deutsche MTM-Vereinigung e.V. 2009, Das MTM-Infomagazin, 14. Jahrgang/ Ausgabe 43, ISSN 1868-0011, 2009.

 

 
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