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Arbeitsmedizin

08.07.10

Ärztegesundheit- ein wichtiges Thema für Betriebs- und Werksärzte

Als Psychiater, der den Begriff der Ärztegesundheit in den deutschen Sprachraum eingeführt hat, überblicke ich ein gutes Viertel-Jahrhundert Beschäftigung mit diesem Thema. Viele Kolleginnen und Kollegen sind mir in diesen Jahren begegnet, die für sich Hilfe suchten, oftmals sehr verschämt, als ob es verpönt sei, als Arzt/ Ärztin selber ein körperliches oder gar psychisches Symptom zu haben.

Fast immer lautete der initiale Auftrag, sie möglichst schnell wieder arbeitsfähig zu machen und am Besten ohne einen Tag Fehlzeit. Darin spiegelt sich das bis heute ungebrochene hohe, ja sehr hohe Anspruchsniveau im professionellen Selbstverständnis wieder, das die meisten Ärzte auszeichnet. Zugleich demonstriert es  die persönlich verheerende Auswirkung  einer überzogenen beruflichen Sozialisation, die vom in Ausbildung befindlichen Arzt alles verlangt ohne ausreichenden Verweis auf angemessene Selbstfürsorge. Auf die Dauer führt das zu einer zunehmenden Berufsunzufriedenheit „job satisfaction“,  zu massiven Selbstzweifeln („ich bin verkehrt, ich bring’s nicht, scheinbar kommen doch andere Kollegen gut zurecht“).  Am Ende eines jahrelangen zermürbenden Prozesses entwickeln sich dann bei Ärzten unter Umständen: Burnout, depressive Syndrome, Suchtkrankheiten insbesondere Alkoholabhängigkeit, massive partnerschaftliche Konflikte, im schlimmsten Fall einmündend in eine suizidale Handlung. Es darf nicht vergessen werden, dass Ärzte dass 1,5- 2-fache und Ärztinnen das 3-5-fache Suizidrisiko haben, wie die vergleichbare Normalbevölkerung (Klimpel, Mäulen).

All dies ist nicht neu. In der ersten Entwicklungsphase der Ärztegesundheit publizierte bereits 1929 Alfred Grotjahn, ein Berliner Kollege und Sozialmediziner,  Berichte von Ärzten über eigene Erkrankung in einem Sammelband.  Später haben  Mandell & Spiro ähnliche Sammlungen kompiliert. In der zweiten Phase wurde nicht nur publiziert sondern gehandelt: Während der siebziger  Jahren in den USA sowie in den achtziger Jahren in der BRD, entwickelten Pioniere – oft nach eigener längerer Krankheit- Hilfsprogramme für erkrankte Kollegen: Der Internist Doug Talbott  in den USA (Atlanta) und der Neurologe Matthias Gottschaldt  in der BRD (Oberbergklinik- Hornberg). Da ich mit beiden direkt zusammengearbeitet habe, kann ich aus persönlicher Erfahrung  berichten, dass beide nicht von der heftigen Kritik, die ihnen widerfuhr, überrascht waren– das hatten sie so erwartet. Nicht gerechnet hatten sie dagegen mit der enormen Zahl von Kollegen, die sich hilfesuchend an sie wandten. Im Laufe der Jahre waren es  allein in den Oberbergkliniken über 3000 erkrankte Ärzte, denen geholfen wurde.  

In der dritten Phase, in der wir uns momentan befinden, ist die Ärztegesundheit von breiten Kreisen der Ärzteschaft als wichtiges Thema erkannt.  Bahnbrechend dabei  war der Leitartikel Der kranke Arzt von Thomas Ripke im Dt. Ärzteblatt 2000.

So sehen wir heute nebeneinander:
a) breit angelegte Forschungsanstrengungen, die u.a. 2010 in einem Report
   Versorgungsforschung
von Schwartz/Angerer (Hrsg.) zusammengefasst
   wurden. 
b) Programme vieler Landesärztekammern um Ärzten/innen  in Not, 
    insbesondere solchen mit Depression, Sucht oder Suizidgefahr 
    unbürokratisch und schnell Hilfe anzubieten.
c) Einzelbiografien in Buchform von beruflich weiter tätigen Kollegen/innen, in
    denen diese von ihrem Krebs, ihrer AIDS Infektion, ihrer Depression, ihrer
    Sucht, ihrem posttraumatischen Belastungssyndrom etc. berichten, 
    insbesondere von der Auswirkung  der jeweiligen Erkrankung auf das
    ärztliche Handeln und Selbstverständnis.
d) Anstrengungen der BÄK  um auf die permanente Überbelastung vieler Ärzte
    hinzuweisen, die gesundheitliche Bedrohung für den Berufstand aufzuzeigen
    sowie diesbezügliche Forschung zu koordinieren und zu fördern
e) Fortentwicklung bewährter Spezialprogramme für Kollegen mit Burnout oder
    Sucht im klinischen Behandlungssetting, die auch von den Ärzteversorgungen
    oft mitgetragen werden (Mundle).
f) Initiativen mehrerer Berufsverbände etwa der Gesellschaft für Anästhesie
   und Intensivmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie,
   Psychotherapie und Nervenheilkunde, der Deutschen Gesellschaft für innere
   Medizin mit Schwerpunkt-Veranstaltungen. Dahinter steht  die zunehmende
   Sorge um die Gesundheit der Mitglieder sowie die Erkenntnis, dass ohne
   korrigierende Maßnahmen der Ärzteschwund bedrohlich zunehmen wird.

In diesem Rahmen sehe ich auch die Aufgaben der Betriebs- und Werkmediziner
in Sachen Ärztegesundheit:

Auf individueller Ebene Hilfestellung für erkrankte Mediziner/innen. Das bedeutet Kenntnisse zu erwerben / zu vertiefen über die hauptsächlichen gesundheitlichen Gefahren für Ärzte, Burnout, Opfer von Mobbing, Suchterkrankungen; zu wissen um das Bagatellsierungsverhalten von Kollegen, dazu die Grundsätze für Ärzte-Behandler anzuwenden (Mäulen), nicht zuletzt sich auch selbst um die eigene Gesundheit angemessen zu kümmern, was beileibe nicht jedem Betriebsmediziner gut gelingt.    

Auf organisatorischer Ebene Fortbildungen über Ärztegesundheit mit zu tragen bzw. zu initiieren, Vorgesetzte zu schulen (was mache ich, wenn ein ärztlicher Mitarbeiter ausbrennt, nicht mehr kann?), bei den Arbeitskreisen „Sucht“ in vielen Kliniken die Ärzte und Chefärzte als trinkende Mitarbeiter in Not nicht zu vergessen und hier ggfs. an auf Ärzte spezialisierte Kliniken zu vermitteln, allgemein Kollegen über Hilfsprogramme zu informieren.  Wo es besonders Not tut, aber wo mann/frau sich als Betriebs- Werksarzt schnell die Finger verbrennen kann, die Auswirkungen der systematischen personellen Unterbesetzung und leistungsmäßigen Höchstforderung auf  Motivation, Leistungsverhalten, Fehlerrate, Verordnungssicherheit,  Berufszufriedenheit der Ärzte aufzuzeigen und den engen Zusammenhang mit der ja allseits geforderten Qualitätssicherung stoisch hinzuweisen.

Auf Weiterbildungs- Ebene  für Betriebs- und Werkmediziner  Kenntnisnahme
der vielfältigen Forschungsergebnissen gerade auch aus Deutschland bezüglich
Arbeitsbedingungen und Befinden von Ärzten/innen. Was sind die häufigsten
gesundheitlichen Probleme von Ärzten/innen? Was wissen wir bisher über die
Auswirkungen eigener Erkrankungen des Arztes auf die Patientenversorgung, auf Fehlerrate, auf Fehlzeiten? Was sind arbeitsbedingte Stressoren und Ressourcen von Klinikärzten? Gegenüber vor zehn Jahren haben wir heute eine Fülle von Detailwissen zu diesen Fragen. Um als Betriebsmediziner überzeugen zu können, um Hilfsprogramme zu starten, bieten diese neueren Forschungsdaten eine hervorragende Plattform.

In diesem Sinne unterstütze und befürworte ich auch den Themenschwerpunkt Ärztegesundheit  der Verbandszeitschrift VDBW-aktuell und wünsche viel Erfolg.

PRAKTISCHE HINWEISE

- Überblick Ärztegesundheit: Buch Ärztegesundheit, Urban & Vogel Verlag 2006
- Überblick aktuelle Datensammlung zu den Arbeitsbedingungen und dem  
  Befinden von Ärztinnen und Ärzten: Buch:    Report Versorgungsforschung.
  Deutscher Ärzteverlag 2010
- Online: große Zahl älterer und neuerer Beiträge zum Thema  Ärztegesundheit     www.aerztegesundheit.de
- Online: Fortbildungsangebote zum Thema Ärztegesundheit etc. durch
  Ärztekammern und Fachgesellschaften auf den Homepages
- Online:Kursangebote für Ärztinnen bzw. Ärzte in Krisen, mit Burn-out oder
  Partnerschaftskrisen: www.be-yourself-Beziehungstherapie.com

Zur Persn:
Dr.med. Bernhard Mäulen                
Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie                
Vöhrenbacherstrasse 4                 
78050 Villingen-Schwenningen                
Kontakt: docmaeulen@t-online.de