Pfad:

Arbeitsmedizin

08.07.10

Nachgedacht: Gedanken zu Befragungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz und speziell von Betriebsärzten

Im Zusammenhang mit der geplanten Aktion zur Ärztegesundheit  ist geplant, eine Befragung mit einem Fragebogeninstrument mit dem Ziel der Sensibilisierung für ihre eigene Gesundheit durchzuführen. Diese soll im Folgenden skizziert werden, wobei es sich um eine innovative und hoffentlich wirkungsvolle Initiative handeln soll.. Dies möchte ich anschließend zum Anlass für einige Gedanken zu betrieblichen Befragungen und deren Wirkung nehmen.

Skizzierung einer Befragung zu Arbeit und Gesundheit bei Betriebsärzten
Ärztegesundheit ist aus Sicht von Arbeitswissenschaftlern ein traditionell herausforderndes Thema. Noch vor einigen Jahren galt es als äußerst schwierig, Ärzte zu ihrer eigenen Gesundheit zu befragen. Nach einigen z. T. umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen und einer Debatte zur Arbeits- und Lebensqualität von Ärztinnen und Ärzten in deutschen Krankenhäusern lässt sich inzwischen ein Bewusstseinswandel erkennen, der auch die ärztliche Sicht auf eigene Grenzen und Schwächen zulässt.

Betriebsärzte unterscheiden sich von Krankenhausärzten nicht nur durch ihr abweichendes berufliches Anforderungsprofil. Befragungen mit dem Copenhagen Psychosocial Questionnaire haben  klar gezeigt, dass Betriebsärzte sich weniger ausgebrannt fühlen und deutlich zufriedener mit ihrer Arbeit sind als Krankenhausärzte. Das Belastungs- und Beanspruchungsprofil der Betriebsärzte ähnelt interessanterweise eher dem der Sicherheitsingenieure als dem der Krankenhausärzte. (Hasselhorn et al. 2007). In einem Vorgespräch in der  BAuA, haben Vertreter des VDBW und unseres Hauses,  sich Gedanken zu einer Kampagne zur Sensibilisierung von Betriebsärztinnen und -ärzten bezüglich ihrer eigenen Gesundheit gemacht. Zunächst stand die Durchführung einer schriftlichen Befragung im Raum, doch letztendlich wissen wir doch schon vorher, welche Ergebnisse wir dadurch erhalten würden, sie hätten keinen richtigen Neuigkeitswert und würden somit auch keine Wirkung haben.

Wirkung können wir nur erreichen, wenn wir bei den Kolleginnen und Kollegen eigene Betroffenheit erzeugen, die motiviert. Wenn man mit einer Befragung motivieren möchte, dann bestenfalls durch die Verwendung von interessanten und relevanten Indikatoren mit Vergleichsmöglichkeiten und durch die Möglichkeit der individuellen Rückmeldung. Eine technische Lösung bietet die Online-Befragung. Hier könnten wir etablierte Befragungsmodule einsetzen, die individuell relevante Aspekte der Arbeit und des Alltags sowie Einstellungen und Befindlichkeiten und schließlich individuelle Gesundheitsrisikoindikatoren  umfassen. Alle erhobenen Indikatoren werden automatisiert individuell ausgewertet, mit Vergleichswerten und Interpretationen kombiniert und unmittelbar an den Nutzer rückgemeldet. Befragungsergebnisse der Gesamtgruppe interessieren nun nicht mehr, die Daten müssen daher auch nicht gespeichert und analysiert werden. Die genaue Ausgestaltung eines solchen Onlineprogramms wird Gegenstand eines Workshops bei der BAuA in Berlin sein.

Gedanken zu Befragungen zu „Arbeit und Gesundheit“ - Befragungen wecken vielerorts (zu) hohe Erwartungen
Gerade in mittelgroßen Unternehmen haben wir häufig erlebt, dass die Verantwortlichen nach Präsentation „ihrer“ Befragungsergebnisse eher ratlos dastanden und uns fragten, was sie denn nun tun sollten. Heute betonen wir schon im Voraus, welche begrenzte Rolle die Befragungsergebnisse im Betrieb haben und dass mit den Ergebnissen betrieblich aktiv gearbeitet werden muss. Unser Ziel ist heute, die „lernende Organisation“, die im Prozess der Befragung (weiter) lernt, mit Fragen der betrieblichen Gesundheitsförderung (und manchmal des BGM) produktiv umzugehen. Wer die Ressourcen für betriebliche Befragungen aufbringt, sollte deutlich mehr Ressourcen für die Arbeit mit ihren Ergebnissen einplanen. Stehen diese Ressourcen nicht bereit, können Befragungen sogar betrieblich schädlich sein.

Befragungen sind aufwändig, man kann sich die Arbeit aber erleichtern
Befragungen müssen sehr gut vorbereitet und betrieblich verankert sein. Das Zusammenstellen des Befragungsinstruments ist heute einfacher geworden; eine ganze Reihe ist frei zugänglich. Manche sind modular aufgebaut, so dass man sich sein „eigenes“ Instrument zurechtschneidern kann. Unabdingbar ist dafür, dass man das Ziel seiner Befragung kennt. Am besten lässt man sich dann bei der Zusammenstellung von einem unabhängigen Experten beraten. Gut ist es, wenn man schließlich auf Vergleichswerte zugreifen kann.

Befragungen allein haben eine begrenzte Aussagekraft
Man sollte sich immer bewusst machen, was hinter den Ergebnissen wirklich steckt: Fragebogenergebnisse stellen niemals die Wirklichkeit dar, sondern sind immer nur ein Hilfsmittel, sich ihr zu nähern. Als betrieblich Verantwortlicher hilft es,  die Begriffe zu verstehen, die bei Befragungen letztendlich als Ergebnisse im Raum stehen. Dem Ziel, der Erfassung der „Wirklichkeit“, kommt man oft erst richtig in einem zweiten Schritt näher, wenn man nämlich die Befragungsergebnisse zur gezielten Diskussion nutzt, so dass sie interpretiert und gewertet werden können.

Befragungen können eine enorme Wirkkraft haben
In verschiedenen Untersuchungen wird derzeit die Wirkung untersucht, die betriebliche Befragungen haben können. Ein Beispiel ist die 3Q-Studie (www.3q.uni-wuppertal.de). Hier werden seit drei Jahren über 50 Altenpflegeeinrichtungen der Johanniter GmbH jährlich befragt und die Ergebnisse differenziert rückgemeldet. Die Studie ist aus vielen Gründen spannend. Hier zeigt sich die „Kraft des Vergleichs“: Einrichtungen sehen, dass sie im Vergleich zu anderen Altenpflegeheimen viel „schlechter“ dastehen oder auch viel „besser“. In den meisten Einrichtungen konnte so ein Prozess der aktiven Arbeit mit den Ergebnissen initiiert werden. In den Folgejahren sahen die Einrichtungen, wie sich ihre Werte und aber auch ihre Position (z. T. sehr deutlich) veränderten.

Wir müssen mehr über die Wirkung von Befragungen wissen
Nach langen Jahren der Studien zum Arbeitsmilieu liegen viele Erkenntnisse zur Validität von Skalen, zu Mittelwerten und Assoziationen vor. Wir brauchen  mehr Längsschnittstudien , um auch kausale Zusammenhänge näher zu kommen und müssen Erwerbsgruppen künftig differenzierter betrachten , beispielsweise jüngere und ältere Beschäftigte.

Die IPSO-Justiz Studie (www.ipso.uni-wuppertal.de) ist ein gutes Beispiel für die Untersuchung der Wirkung von Befragungen auf betrieblicher Ebene. Bei dieser Untersuchung von 35 Gerichten und Staatsanwaltschaften zeigen erste Ergebnisse, dass eine Mitarbeiterbefragung deutlich mehr betriebliche Wirkung erzielt, als eine reine Informationsveranstaltung. Sollten sich diese Ergebnisse erhärten, könnten beispielsweise Unfallversicherer ihre Präventionsstrategien anpassen, indem sie die Möglichkeit der behördlichen Mitarbeiterbefragung nutzen, beispielsweise online.

Ebenso wichtig ist die Frage nach der Wirkung individueller Befragungsergebnisse bei den Beschäftigten. Ein gutes Beispiel ist hier der Work Ability Index, WAI. Dies ist ein kurzer Fragebogen, dessen Ergebnis mir lediglich sagt, wie gut oder schlecht meine Arbeitsfähigkeit ist und wie ich hier im Vergleich zu meiner Altersgruppe dastehe. Ich erfahre aber (bewusst) nichts über mögliche Gründe oder erforderliche Maßnahmen. Die Betroffenheit, die Beschäftigte bei der Besprechung ihrer schlechten Werte zeigten, war z. T. bedrückend. Doch fördert dies auch ihre Motivation, nach Ursachen zu suchen oder Maßnahmen einzuleiten? Kann ein dokumentierter schlechter WAI eines Beschäftigten einen Betriebsarzt motivieren, nicht einfach nur zur Tagesordnung überzugehen, wie ein Kollege es beschrieb? Dies sind noch offene Fragen.

Wenn wir mehr über die Wirkung von Befragungen wissen, können wir auf dieser Ebene der Präventionsarbeit deutlich weiterkommen. Die Wirkung der  skizzierten innovativen Befragungsaktion zu Arbeit und Gesundheit von Betriebsärzten werden wir mit großem Interesse verfolgen.    

Zur Person
Prof. Dr. med. Hans Martin Hasselhorn
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Leiter Fachbereich 3 „Arbeit und Gesundheit“
Nöldnerstraße 40– 42
10317 Berlin

 
  • zerotorrents.com
  • torrentgrab.com
  • nicetorrents.com