Pfad:

Arbeitsmedizin

19.12.11

Folgen langjähriger Erwerbslosigkeit und Möglichkeiten der Gesundheitsförderung

Gesundheitliche Folgen von Erwerbslosigkeit sind seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Frühe Studien gehen bis auf die zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück (z.B. Hofbauer-Flatzek, 1933). Bekannt geworden ist vor allem die 1933 durch Jahoda et al. publizierte Schrift: „Die Arbeitslosen von Marienthal“. In den folgenden Jahrzehnten wurden in Deutschland vor allem durch Wissenschaftler der Gesundheits- und Sozialwissenschaften die psychischen und psychosozialen Folgen der Erwerbslosigkeit systematisch untersucht. Zu den physischen Auswirkungen
gab es demgegenüber nur verhältnismäßig wenige Studien.

Zum Ende des Jahrhunderts wurde das Forschungsfeld auf die von Arbeitslosigkeit bedrohten Personen ausgedehnt. Dies war Folge eines im Rahmen der Globalisierung aufgetretenen Wandels der gesamten Arbeitswelt mit ansteigender Flexibilisierung und Arbeitsverdichtung, einer Zunahme atypischer und prekärer Arbeitsverhältnisse und Diskontinuitäten in den Erwerbsbiographien. Dadurch überlagerten sich die gesundheitlichen Auswirkungen von veränderter Erwerbstätigkeit, bedrohter Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit und wurden nun auch Forschungsgegenstand der Arbeitswissenschaften und der Arbeitsmedizin.

Der Verlust des Arbeitsplatzes ist für den Einzelnen ein kritisches Lebensereignis mit komplexen Folgen: neben den finanziellen Einbußen und dem Abbau beruflicher Kompetenzen sind vor allem der Verlust von übergeordneten Zielen und sinnstiftenden Aufgaben, einer festen
Zeitstruktur, von zwischenmenschlichen Beziehungen und sich daraus ergebenden Formen sozialer Unterstützung zu nennen (Jahoda, 1983). Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geht ebenso verloren wie das Gefühl, Einfluss auf die aktuelle Lebenssituation nehmen zu können (Barwinski Fäh, 2002). Unter diesen Bedingungen ist es nach Ansicht von Barwinski Fäh schwierig, das Gefühl der Eigenverantwortung aufrecht zu erhalten. Insbesondere bei älteren Langzeiterwerbslosen mit mehrheitlich geringen Chancen auf Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt dominieren bei Befragungen zum subjektiven Erleben Perspektivlosigkeit und passives
Abfinden mit der Arbeitslosigkeit (z.B. Lauenroth und Swart, 2004). Im Kontext
von Erwerbslosigkeit wird in der Literatur eine breite Palette von Symptomen und Syndromen psychischer Beschwerden beschrieben. Paul et al. wiesen in einer Metaanalyse für sechs häufig untersuchte Indikatorvariablen der psychischen Gesundheit klare statistische Zusammenhänge zur Erwerbslosigkeit nach. Dazu zählen unspezifische psychische Beanspruchungssymptome, Depressions- und Angstsymptome, psychosomatische Beschwerden sowie eine Reduktion des subjektiven
Wohlbefindens und des Selbstwertgefühls (Paul und Moser, 2006). Der Analyse zufolge waren mit 34 % der Erwerbslosen fast doppelt so viele Personen
von Depressions- und Angstsymptomen betroffen wie bei den Erwerbstätigen
(16 %). Auf der Ebene der physischen Gesundheit existieren z.T. widersprüchliche Befunde. Für spezifische Krankheitsbilder wie chronische Lungenerkrankungen, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen wurden erhöhte Prävalenzraten bei Erwerbslosen nachgewiesen (Alavinia und Burdorf, 2008).

In den Statistiken der großen deutschen Krankenkassen sind Nichterwerbs-tätige in allen Diagnosen häufiger betroffen als Erwerbstätige (Grobe und Dörning, 2010), weisen die höchste Anzahl an Arbeitsunfähigkeitstagen
auf und müssen sich im Vergleich zu Erwerbstätigen doppelt so häufig einer stationären Behandlung unterziehen (BKK-Bundesverband, 2009). Die individuellen gesundheitlichen Folgen eines Arbeitsplatzverlustes werden durch
zahlreiche Faktoren wie Alter, Geschlecht, Dauer der Arbeitslosigkeit, Lebensstil und Copingstrategien beeinflusst. Ein objektiv bestehender Interventionsbedarf wird durch die Betroffenen aber häufig nicht erkannt, Möglichkeiten der Gesundheitsförderung bleiben nahezu ungenutzt. Die Arbeitslosenzahlen sind seit 2005 von fast 5 Millionen Personen auf unter 3 Millionen Personen in 2011 zurückgegangen (Bundesagentur für Arbeit). Allerdings besteht in Deutschland eine seit 1973 kontinuierlich ansteigende sog. „Sockelarbeitslosigkeit“, die durch einen hohen Anteil an schlecht vermittelbaren und daher langfristig
Erwerbslosen in höherem Alter, mit oft geringer Qualifikation und mit gesundheitlichen Einschränkungen gekennzeichnet ist (Wiggert 2009).

Nachfolgend wird die Pilotstudie „Fit50+“ des Instituts für Präventivmedizin der Universität Rostock vorgestellt. Diese untersuchte in den Jahren 2007–2010 in Kooperation mit einem privaten Bildungsträger (RegioVision, Schwerin) Wirksamkeit und Akzeptanz eines niedrig-schwelligen Angebotes zur Gesundheitsförderung bei älteren Langzeitarbeitslosen. Im Rahmen einer
10-monatigen arbeitsmarktintegrativen Maßnahme wurde der Zielgruppe parallel zur fachlichen Qualifizierung die Teilnahme an einem 3-monatigen Programm zur Gesundheitsförderung angeboten. Dieses gliederte sich in einen 40-stündigen wissensvermittelnden Teil zu relevanten Aspekten eines gesundheitsförderlichen Lebensstils und ein 60-stündiges angeleitetes
Ausdauer-Krafttraining.

Zwischen 2007 und 2010 nahmen von den insgesamt 880 Kunden des Bildungsträgers 468 Personen (53 %) an dem Programm teil, 119 von ihnen entschieden sich gleichzeitig für die Teilnahme an der Pilotstudie im Institut für Präventivmedizin.

In einem prospektiven Längsschnitt erfolgte die Untersuchung der Studienteilnehmer vor Beginn der Intervention, direkt nach Beendigung der Intervention und 6 Monate später. Neben anamnestischen und soziodemographischen Daten wurden Faktoren des Gesundheitsverhaltens
erfasst. Die körperliche Untersuchung wurde ergänzt durch anthropometrische
Messungen zur Bestimmung des Ernährungszustandes und der Körperzusammensetzung, Ruhe-EKG und Blutdruckmessungen sowie die Bestimmung der kardiopulmonalen Ausdauerleistungsfähigkeit auf dem Fahrradergometer. Faktoren der psychischen Gesundheit wie unspezifische
Beschwerden, Wohlbefinden, Lebensqualität und Depressivität wurden mit
standardisierten Fragebögen erfasst. Die Studienteilnehmer wurden jeweils über die Untersuchungsergebnisse informiert und ausführlich zu individuellen Risiken und Ressourcen beraten.

Verglichen mit alters- und geschlechtsspezifischen Referenzwerten zeigten die
Ergebnisse der Erstuntersuchungen sowohl hinsichtlich der körperlichen Leistungsfähigkeit und des kardiovaskulären Risikoprofils als auch auf der Ebene der psychischen Gesundheit einen erheblichen Interventionsbedarf an. Eine klinisch relevante Depression lag beispielsweise bei 31% der Untersuchten und damit in vergleichbarer Höhe vor wie in der oben zitierten Metaanalyse von Paul und Moser.

Bei mehr als 90 % der Studienteilnehmer musste, gemessen an den Referenzwerten von Shvartz und Reibold (1990), eine körperliche Leistungsfähigkeit auf geringstem Niveau attestiert werden, 40 % der Untersuchten waren adipös (Body Mass Index > 30kg / m2), zusätzliche kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Hypertonie Aus der wissenschaft Folgen langjähriger Erwerbslosigkeit und Rauchen lagen deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung vor.

Durch die Teilnahme am Gesundheitsförderungsprogramm konnten sowohl bezogen auf die körperliche Leistungsfähigkeit als auch auf das 10-Jahres-Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen statistisch signifikante Interventionseffekte erzielt werden. Mehr als 50 % der Teilnehmer berichteten
zudem über eine Verbesserung der bei Erstuntersuchung angegebenen chronischen Rückenschmerzen. Auf der Ebene der psychischen Gesundheit waren hinsichtlich des Bestehens von Depression und unspezifischen Beschwerden ebenfalls statistisch signifikante Verbesserungen nachweisbar.

Die salutogenetischen Fähigkeiten des Einzelnen zu fördern, kann den Bewältigungsprozess von Erwerbslosen hilfreich unterstützen und ein erster Schritt sein, Eigenverantwortung wieder aufzubauen.

Literaturverzeichnis

Prof. Dr. med. habil. Regina Stoll
» Institut für Präventivmedizin – Arbeitsmedizin,
Sportmedizin, Sozialmedizin
Universität Rostock
Kontakt: regina.stoll@no-spam.uni-rostock.de

Dr. med Steffi Kreuzfeld
» Institut für Präventivmedizin – Arbeitsmedizin,
Sportmedizin, Sozialmedizin
Universität Rostock
Kontakt: steffi.kreuzfeld@no-spam.uni-rostock.de