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Arbeitsmedizin

15.09.11

Ein Evaluationstool zur Unterstützung des Betriebsarztes

Einleitung
Betriebliche Gesundheitsförderung und betriebliches Gesundheitsmanagement
gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Neben den bekannten Muskel-Skelett-Erkrankungen nehmen zudem auch die psychischen Belastungen stetig zu. Diagnosen wie Burn-out und stressbedingte Ausfallzeiten häufen sich (BKK Gesundheitsreport 2010). Parallel zur Entwicklung der gesundheitlichen Belastungen wird in Deutschland bereits in naher Zukunft mit einem akuten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften gerechnet, so dass die Unternehmen zunehmend daran interessiert sind, ihre Fachkräfte (gesund) zu halten. Einige Unternehmen nutzen ein offenes Bekenntnis zur Gesundheitsförderung als Herausstellungsmerkmal im Wettstreit um die qualifizierten Arbeitskräfte auf dem Markt. Daneben zwingt bekanntermaßen die steigende Prävalenz von (altersassoziierten) Erkrankungen uns die dadurch bedingte Einschränkung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit zum aktiven Vorgehen. Es bieten zahlreiche Anbieter betrieblicher gesundheitsfördernder Maßnahmen ihre Leistungen gegen Entgelt an.

In einem Betrieb mit guter betriebsärztlicher Betreuung sollte sich aus folgenden Gründen der Betriebsarzt als der „geborene“ Gesundheitsmanager ins Gespräch bringen:
» weil Wissen zur Gesundheit primär medizinisches Wissen ist.
» weil der Übergang von Gesundheit zur Krankheit fließend ist und nur der Arzt erkennen kann, wann eine Gesundheitsstörung in einem Maße krankhaft ist, dass sie eine spezifische Therapie erfordert und
» weil der Arzt auch für diese Aufgabe vom Arbeitgeber bereits bezahlt wird.

Ein betriebliches Gesundheitsmanagement ist allerdings nur dann sinnvoll und wirksam, wenn es strukturiert implementiert und dem Bedarf konkret angepasst wird. In vielen Unternehmen hat der Betriebsarzt mit seinem Zugang zu den Beschäftigten und seinem medizinischen Wissen eine zentrale Rolle in diesem Bereich inne.

Um diesen oder einen für die Thematik der betrieblichen Gesundheitsförderung zuständigen Mitarbeiter im Aufbau eines effizienten Gesundheitsmanagements zu unterstützen, wurde am Lehrstuhl für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ein Evaluationstool entwickelt, das darin helfen soll, ein effizientes Gesundheitsmanagement etablieren zu können. Mit dem Evaluationstool können zielgruppenspezifisch und handlungsrelevant Themengebiete abgefragt werden, und somit Beschwerden (psychischer und körperlicher Art) sowie allgemeine Missstände, aber auch Verbesserungsvorschläge identifiziert werden. Die Evaluation kann den Betriebsarzt oder den für betriebliche Gesundheitsförderung zuständigen Mitarbeiter unterstützen, die Ist-Situation genau zu analysieren und auf die aussagekräftigen Ergebnisse adäquat zu reagieren.

Zum Evaluationstool
Das Evaluationstool wurde nach seiner Entwicklung vor allem in Mittel- und Großunternehmen (n = 29) mit Mitarbeitern verschiedener Bereiche (u.a. Dienstleistung, Industrie, Gesundheitswesen, Verwaltung; n > 22000) mittels standardisiertem Fragebogen als Online-Tool oder in einer Papierversion zu folgenden Themenbereiche angewandt:
» Bewegungsverhalten
» Ernährungsverhalten
» physische, psychische und soziale Situation am Arbeitsplatz
» Mitarbeiterzufriedenheit
» Verhalten Vorgesetzter
» Kommunikation / Zusammenarbeit
» Arbeitsorganisation / Verwaltung

Darstellung der Ergebnisse
Um die Ergebnisse der Befragungen möglichst übersichtlich und aussagekräftig darzustellen, werden sie anonymisiert zusammengefasst in verschiedenen Grafikformen abgebildet und den Unternehmen (z.B. Betriebsarzt bzw. den verantwortlichen Gesundheitsbeauftragten) in Berichtform übergeben. Aufgrund der verschiedenen Grafiktypen und der Berichte kann man effizient Maßnahmen ableiten, die zur Verbesserung der Situation führen.

Zudem wird ein Vergleichswert oder Benchmark mit abgebildet. In manchen Fällen werden erst so die eigenen Ergebnisse korrekt interpretiert: Wenn beispielsweise 55 % der Befragten angeben, unter Nackenverspannungen zu leiden, so weiß man unter Umständen nicht, ob dieser Wert „normal“ oder sehr hoch ist. Erst der Bezug zum Vergleichswert (bzw. Benchmark-Wert) geben in einem solchen Fall dieser Prozentzahl eine Wertung und korrekte Interpretationsmöglichkeit. (Fischmann et al. 2010). Ein klares  Herausstellungsmerkmal des Evaluationstools ist die Vielzahl der Freitextfelder. Die Anwendung des Tools zeigte, dass vor allem diese eine sehr gute Detailsicht von Problembereichen ermöglichen. Zugleich können sich die Mitarbeiter aktiv durch die Nennung von Verbesserungsvorschlägen einbringen.

Identifizierung von Problemen am Beispiel Klinikum In einer genaueren Untersuchung der Ergebnisse eines evaluierten Klinikums konnten Schmid et al. (2011) aufgrund der großen Anzahl von Befragten und der genaueren Zuordnung der Befragten in verschiedene Berufsgruppen der Fragestellung nachgehen, inwiefern sich die verschiedenen Berufsgruppen innerhalb des befragten Klinikums als auch ähnliche Berufsgruppen verschiedener Unternehmen unterscheiden. Hierzu wurden fünf Berufsgruppen gebildet: ärztlicher Bereich, Pflege und Verwaltung des Klinikums, Akademiker einer weiteren Firma sowie Angestellte eines Finanzdienstleisters. Dabei zeigten sich berufsgruppenspezifische Befunde, bei denen das Pflegepersonal vor allem Probleme im Bereich des Rückens und der Haut beklagten, wohingegen Ärzte vermehrt Erschöpfung angaben. Insgesamt fühlten sich Beschäftigte des Klinikums über alle Berufsgruppen hinweg häufiger frustriert sowie bei der Arbeit übergangen und nicht ernst genommen. Verwaltungsangestellte des Klinikums glichen in ihrem Antwortverhalten in unerwarteter Weise den medizinischen Berufsgruppen und nicht den Verwaltungsangestellten aus der Industrie und dem öffentlichen Dienst. Die Fragen zum Betriebsklima, zur Wertschätzung der Arbeit und zur Information über Neuerungen zeigten weitere Problembereiche auf. So wurden sich von allen Angestellten des Klinikums eine Verbesserung des Betriebsklima und eine verbesserte Wertschätzung sowie ein besserer Informationsfluss über Neuerungen im Klinikum gewünscht. (Fischmann et al. 2010)

Fazit
Sowohl im Falle des Klinikums als auch der weiteren eingangs erwähnten Unternehmen konnten durch den Einsatz des Evaluationstools handlungsbedürftige Problembereiche zielgruppenspezifisch identifiziert werden. Maßnahmen, die daraus effizient abgeleitet wurden, konnten mit Hilfe des Tools zudem einer Erfolgsanalyse aus Sicht der Arbeitnehmer unterzogen werden. Die Bereiche, in denen zu ca. 70 % Veränderungen durchgeführt wurden, umfassten die Bereiche Ernährung, physische und soziale Situation am Arbeitsplatz (hier v.a. Ergonomie der Arbeitsplätze, Kommunikationsverhalten unter Mitarbeitern genauso wie zwischen Mitarbeitern und Führungsschichten, Führungsstil, Stresssymptomatiken durch Überarbeitung psych(osomat)-ische Störungen am Arbeitsplatz). (Fischmann et al. 2010)


Kontakt
Wolfgang Fischmann, M.A.
» Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Lehrstuhl Prof. Dr. med. Hans Drexler
» Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

E-Mail: wolfgang.fischmann@no-spam.ipasum.med.uni-erlangen.de
www.arbeitsmedizin.uni-erlangen.de


Literatur
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Broding HC, Kiesel J, Lederer P, Kötter R, Drexler H. Betriebliche Gesundheitsförderung in Netzwerkstrukturen am Beispiel des Erlanger Modells – „Bewegte Unternehmen“ Gesund-heitswesen 2010;72:425-432.

Fischmann W, Kiesel J, Drexler H. Probleme am Arbeitsplatz Krankenhaus - Identifikation mittels eines Evaluationstools. Trauma und Berufskrankheit 2010; 4: 244-246.

Jakobi F. Nehmen psychische Störungen zu?. Report Psychologie 2009;34:16-28.

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Osterode W. Ärztegesundheit: Zwischen Burnout und Depression?.

Österreichisches Forum Arbeitsmedizin. 2009;01:4-12.

Schmid K, Kiesel J, Uter W, Drexler H. Welche Berufsgruppen an einem Klinikum sind beson-ders beansprucht? Ein Vergleich zwischen ärztlichem Dienst, Pflege und Verwaltung sowie Beschäftigten anderer Branchen. Dtsch Med Wochenschr 2011; 136(30): 1517-1522.

Weber A, Hörmann G (Hrsg). Psychosoziale Gesundheit im Beruf. Gentner Verlag, Stuttgart 2007.