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Arbeitsmedizin

15.09.11

Fahrerlaubnisverordnung: Kontrast- und Dämmerungssehen

Durch die Änderung der FeV wird in Anlage 6, 2.1.2 eine Prüfung des Kontrast- oder Dämmerungssehens bei den Klassen C, C1, CE, C1E, D, D1, DE, D1E, FzF gefordert: „Ausreichendes Kontrast- oder Dämmerungssehen geprüft mit einem standardisierten, anerkannten Prüfgerät“. Damit wurde eine langjährige Forderung der Augenärzte und der Verkehrskommission der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) umgesetzt. Ab einem Alter von 40 – 50 Jahren nehmen Trübungen der brechenden Augenmedien insbesondere Katarakt deutlich zu und sind Ursache für ein vermindertes Kontrastsehvermögen mit Einschränkung des Dämmerungssehens und erhöhter Blendempfindlichkeit. Dadurch erhöht sich insbesondere das nächtliche Unfallrisiko. Lachenmayr hat 1996 in einer Studie über „Sehstörungen als Unfallursache“ eine statistisch signifikante Unfallhäufung bei Verkehrsteilnehmern mit reduzierter Tagessehschärfe, gestörtem Dämmerungssehen und erhöhter Blendungsempfindlichkeit festgestellt, wobei eingeschränktes Dämmerungssehen das Risiko eines Nachtunfalls verdreifachte.

Standardisiert und anerkannt zur Prüfung des Kontrastsehens im Straßenverkehr wurden bisher von der DOG nur die Geräte Mesotest Fa. Oculus, Nyktometer 500 Fa. Vistec und Kontrastometer Fa. BKG Medizin Technik; die das Kontrastsehen und die Blendempfindlichkeit unter Dämmerungsbedingungen mit definierten Normwerten prüfen (mesopisches Kontrastsehen). LKW- und Taxifahrer sollen mind. 3 von 5 angebotenen Landoltringen ohne und mit Blendung mit einem Kontrast von 1: 5 und Busfahrer mit einem Kontrast von 1: 2,7 erkennen. Nachteilig wirken sich bei der Untersuchung des mesopischen Kontrastsehens die notwendige Adaptationszeit an die Dunkelheit (Übergang von Zapfensehen in Stäbchensehen) von bis zu 15 Minuten aus. Neu zugelassen ist die Prüfung des Kontrastsehens unter Tageslichtbedingungen (photopisches Kontrastsehen). Wilhelm (3) wies 2008 daraufhin, „dass viele Studien dafür sprechen, dass der photopische Kontrast auch den mesopischen
Kontrast repräsentiert und dass es Normwerte für die in der Arbeitsmedizin eingesetzten photopischen Kontrastsehgeräte Rodatest 302 und Optivist gibt. In einer Studie kommt er (4) zu dem Schluss, „dass die Prüfung des photopischen Kontrastsehens im Vergleich zur Prüfung des mesopischen Kontrastsehens zur Diskriminierung von Gesunden mit ausreichender Zuverlässigkeit mit den Geräten Rodatest 302, Optovist und den Testtafeln Pelli-Robson möglich ist“ (im Vergleich zum mesopischen Kontrastprüfgerät Mesoptometer).

In der Stellungnahme der DOG und des Berufsverbands Deutscher Augenärzte (BVA) zur FeV-Änderung im Juni 2011 (2) wird eine neue Vergleichsstudie mit dem Kontrastsehtestgerät Optovist von Prof Wilhelm zitiert, wobei als Kriterium für ausreichend ein photopischer Kontrastwert von 1,32 log CS (Weber-Kontrast) angegeben wird. Nach Empfehlungen der Fa. Vistec gilt beim Sehtestgerät Optivist der Kontrastsehtest als bestanden, wenn von 5 Landoltringen im Kontrast von 10% und einer Sehzeichengröße von Visus 0,4 bei 5 Landoltringen mindestens drei Öffnungen richtig benannt werden. Werden
diese Anforderungen nicht erfüllt, ist eine augenärztliche Untersuchung obligat. Der Test erfolgt binokular in der Ferne („optisch unendlich“). Entsprechend den Empfehlungen der Universitätsaugenklinik Tübingen sollte auch der Kontrast von 5% bei einem Visus von 0,4 geprüft werden. Wird dieser Test nicht bestanden, kann zwar Tauglichkeit bescheinigt werden, eine augenärztliche Untersuchung ist jedoch schriftlich zu empfehlen. Als für arbeitsmedizinische Untersuchungen anerkannte, standardisierte Prüfgeräte werden in der DOG / B VAStellungnahme vom Juni 2011 (2) angegeben:
» Mesotest der Fa. Oculus und Nyktometer der Fa. Rodenstock.
» Einblickgeräte mit standardisierter Prüfung des photopischen Kontrastsehens: Rodatest 302 und Optivist. Hingewiesen wird auf das neue Sehtestgerät der
Fa. Oculus Binoptometer 4P, mit dem das photopische Kontrastsehen und das Dämmerungssehen mit Blendempfindlichkeit wie im Mesotest geprüft werden kann.
» Pelli-Robson-Tafeln und MARS-Tafeln mit standardisierter Beleuchtung

Diese Tafeln sind im europäischen Ausland und den USA zur Prüfung des photopischen Kontrastsehens weit verbreitet. Die MARS-Tafeln sind eine neuere Entwicklung.

Es werden sehr große Buchstaben in 3er Formation (Triplets) mit gleichmäßig schwächer werdenden Kontrasten auf Tafeln gedruckt angeboten. Der Kontrast nimmt von Reihe zu Reihe bei insgesamt 8 Reihen und 16 Kontraststufen ab. Die Ratewahrscheinlichkeit pro Sehzeichen beträgt ca. 4 %. Ein Vorteil der photopischen Kontrastprüfung sind die wesentlich kürzeren Untersuchungszeiten und die unkomplizierte Testung mit den mobilen MARS-Tafeln. Als Grenzwert empfiehlt die DOG bei den Pelli-Robson-Tafeln und den MARS-Tafeln mindestens das Erkennen eines Kontrastes von 3,1 % (= 1,5 log CS-Weber-Kontrast). Mindestens 2 von 3 Buchstaben des Triplets mit dem Wert von 1,5 log CS müssen erkannt werden. (100 % Kontrast sind schwarze Schrift auf weißem Grund; 0 % Kontrast sind weiß auf weiß). Bei Nichterkennen des Kontrastes von 3,1 % (1,5 log CS) muss eine Überweisung zur weiteren Abklärung an den Augenarzt erfolgen. Wichtig ist eine homogene, helle Ausleuchtung der Tafeln, da bei zu niedriger Helligkeit das Kontrastsehen abnimmt. Empfohlen wird weißes Licht mit Leuchtstoffröhren mit tageslichtähnlicher Emission oder Halogenstrahler mit einer mittleren Leuchtdichte zwischen 80 – 320 cd / m2 (5). Bei den wesentlich größeren Pelli-Robson-Tafeln sollte nach den DOG-Empfehlungen ein Lichtkasten benutzt werden, der über Prof. Wilhelm, Steinbeis-Zentrum in Tübingen bezogen werden kann. Die Prüfentfernung ist bei diesen Tafeln 1 Meter, bei den wesentlich kleineren MARS-Tafeln 40 cm. Die MARSTafeln sind in DIN A4 gedruckt und zum Erreichen einer homogenen Beleuchtung genügt eine Schreibtischlampe. Nach den DOG-Empfehlungen sind „die MARS-Tafeln die erste Wahl für Betriebsärzte, wenn sie kein Mesotest-Gerät zur Verfügung haben“ (2). Die MARS-Tafeln sind günstig zu erwerben und für den Betriebsarzt erste Wahl, der noch ein gut funktionierendes Sehtestgerät benutzt und die Kosten für die Neuanschaffung scheut. Ich selbst habe mit den MARS-Tafeln erste gute Erfahrungen gemacht und festgestellt, dass der beschriebene Kontrast-Grenzwert von 3,1 % (1,5 log CS) beim photopischen Sehen etwa dem Grenzwert von 1: 5 beim mesopischen Sehen im Mesotest bzw. Nyktometer entspricht.

Nachteilig ist, dass es bisher keine größeren Studien der photopischen Kontrastsehverfahren im Vergleich mit den mesopischen bewährten Kontrastsehverfahren gibt: Die oben genannten Grenzwerte gelten somit nur vorläufig. Neben den genannten Kontrasttafeltests gibt es für Augenärzte entwickelte Tafeltests wie z. B. die Vistech-TM-Tafel, die Auflichttafel F.A.C.T. (Functional Acuity Contrast Test) und die in einem Lichtkasten von hinten beleuchteten Vector Vision CSV-1000-Prüftafeln mit Gittermustern mit absteigendem Kontrast (für alle 3 Tafeln Ratewahrscheinlichkeit pro Sehzeichen 33 %). Weitere mögliche photopischen Kontrast-Testverfahren sind das Einblickgerät Optec® 6500 Contrast Sensitivity View-in Tester mit einer verkleinerten F.A.C.T.-Tafel mit Gittermustern mit absteigendem Kontrast (Ratewahrscheinlichkeit 33 %) und das kostenlos im Internet herunterladbare PC-System FrACT (Freiburger Visual Acuity & Contrast Test) von Prof. Bach Freiburg mit Landoltringen mit absteigendem Kontrast (Ratewahrscheinlichkeit 12,5 %) und automatischer PC-Auswertung. Das PC-Programm setzt einen geeigneten Apple Macintosh-Rechner voraus und Kompetenz zur Einrichtung des Messplatzes. Diese für Augenärzte entwickelten Testverfahren sind für Betriebsärzte weniger geeignet und standardisiert im Vergleich zu den Tafeln. Entsprechend der DOG / B VA-Stellungnahme gelten die für Betriebsärzte empfohlenen photopischen Kontrastsehprüfverfahren und Grenzwerte aufgrund der Studienlage nur vorläufig. Nach der Durchführung weiterer Studien können diese Kontrastsehprüfverfahren besser validiert und ggf. die Grenzwerte noch modifiziert werden.

zur Person
Dr. Rolf Kittel
» Leitender Arzt Ärztezentrum Südwest
Bundeseisenbahnvermögen
Kontakt: rolf.kittel@no-spam.bev.bund.de

Literatur:
1. Fahrerlaubnis-Verordnung – FeV-Änderungsverordnung vom 17.12.2010 Verkehrsblatt-Verlag Dortmund 2011
2. Stellungnahme der DOG und des BVA zur Änderung der Fahrerlaubnisverordnung (FeV) vom Dezember 2010 – Prof. Lachenmayr – Vorsitzender der Verkehrskommission der DOG und Dr. Freißler – Leiter des Ressorts Verkehrsophthalmologie des BVA Juni 2011 – www.dog.org
3. Naycheva L., Lüdtje H., Wilhelm H.: Untersuchung des Kontrastsehens: Vergleich verschiedener Methoden – Universitätsaugenklinik Tübingen 2008
4. Wilhelm H.: Kontrastsehen – weshalb man es prüfen sollte; Z. prakt. Augenheilkd. (2008) 29
5. Bach. M. u.a.: Photopisches Kontrastsehen. Der Ophthalmologe 1-2006