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Arbeitsmedizin

06.07.11

Für Stille sorgen als Präventionsaufgabe

Laute Welt, laute Betriebe - Lärm und die von ihm ausgelöste Schwerhörigkeit gehören zu den klassischen Themen, mit denen sich Betriebsärzte auseinanderzusetzen haben. Wir lernen darüber in den Kursen an arbeitsmedizinischen Akademien und bei speziellen Lehrgängen, und die Akteure in Betrieben und Öffentlichkeit sprechen uns diesbezüglich durchgängig Kompetenz zu.

Der Wandel unseres Arbeitslebens, technischer Fortschritt und Verbesserungen im Arbeitsschutz haben dazu geführt, dass Menschen an Arbeitsplätzen durch innenohrschädigenden Lärm nicht mehr wir vor Jahren noch belastet sind.

Und doch ist unsere Welt am Arbeitsplatz und zu Hause, drinnen und draußen, lauter als früher. Ständig sind wir von mehr oder weniger lauten Geräuschen umgeben: Radio und Fernsehen, Handy und Headset, Auto und Lastwagen, Eisenbahn und Flugzeug, Signal- und Alarmtöne, Bässe und Schlagzeug, life und als Konserve.

Wie es einem Zeitgenossen ergangen ist, der als genervter Kunde auf einem Streifzug durch die dauerbeschallten Warenhäuser Stille einforderte, war vor einigen Jahren in einer Fernsehreportage zu sehen. Die jeweils herbeigerufenen Kaufhausdirektoren fanden das Ansinnen, die Berieselung durch Musik doch auszuschalten oder wenigstens leiser zu drehen, skurril. Denn ihnen war klar. Stille wirkt konsumhemmend, Hintergrundmusik hingegen befördert die Kauflust.

Wenn man die Zeichen an den Tankstellen richtig deutet, scheint die Spitze des Lärmpegels in Deutschland immer noch nicht erreicht zu sein. Wo man bisher beim Volltanken gedankenverloren auf das Nachbarauto oder die Tankanzeige blickte, wird man inzwischen hier und da durch lautstarke Werbebotschaften von Bildschirmen an den Zapfsäulen widerwillig in den Bann gezogen. Das sei der „Nachrichten-Service“, den die Kunden wollten, wird man an der Kasse belehrt, wenn man sein Missfallen ausdrückt. Unsere Ohren sind immer auf Empfang. Als Menschen sind wir stets „on“, bei Tag und oft sogar bei Nacht. Wo wir gehen und stehen und vielfach dort, wo wir ruhen wollen, ist uns die Stille abhanden gekommen.

Vermeidbare Geräusche gefährden die Gesundheit
Mehr und mehr Menschen leiden darunter. Obwohl sie angeben, den permanent laufenden Radiosender oder den tagtäglichen Straßenverkehrslärm gar nicht mehr wahrzunehmen, klagen sie über Abgeschlagenheit und Nervosität, Konzentrationsstörungen und Unaufmerksamkeit, Reizbarkeit und Aggressionen, Kopfschmerzen und Stressgefühle. Vermeidbarer Lärm und dauerhafte Geräusche sind also von zentraler Bedeutung für die
Gesundheit der Beschäftigten und insofern auch für uns Betriebsärzte. Ist also die Beratung zur Herstellung von Stille ein Teil des betriebsärztlichen Auftrages?


Stille. Althochdeutsch meint stilli, wovon sich Stille ableitet, „ohne Bewegung“, „ohne Geräusch“. Die vollständige Abwesenheit von Geräuschen ist für den Menschen genauso quälend wie dauernder Lärm.

Länger anhaltende „Totenstille“ führt zu Orientierungslosigkeit im Raum und zu Angst und wurde deshalb sogar als Folterinstrument eingesetzt. Eine solche Stille zu erreichen, kann nicht das Ziel sein. Vielmehr geht es um Stille im Sinne einer ruhigen Umgebung, die zur Aufrechterhaltung von Wohlbefinden und Gesundheit, Konzentration und Leistungsfähigkeit benötigt wird. Ohne eine derartige Stille können wir nämlich nicht wirklich lesen und schreiben, sprechen und zuhören, musizieren und lernen, meditieren und entspannen.

Oft packt die Menschen im Alltag eine richtige Sehnsucht nach Stille: Kein Termin, kein Telefon, keiner, der etwas von einem will. Wer sich gerade in der rush-hour des Lebens befindet, wer Arbeit hat, zupacken darf und entscheiden muss, wer also gefordert ist, der wird periodisch von dieser Sehnsucht nach Stille befallen. Trotzdem füllen wir freie Tage und das Wochenende mit interessanten, aber doch auch wieder anstrengenden und „lauten“ Aktivitäten.

Im Freizeitstress bleibt die Sehnsucht nach Stille auf der Strecke. Wer es dann aber doch einmal geschafft hat zu flüchten, einige Tage ausgestiegen und allein ist, merkt oft, dass er es mit sich selbst nicht aushält. Außen ist es tatsächlich still, innendrin aber um so lauter.

Stille auszuhalten ist gerade heutzutage für viele Menschen ungewohnt. Sie wirkt bedrückend und hat für manche den Makel eines Kommunikationsunfalls, einer Panne, die nicht hätte passieren dürfen. Nicht umsonst gibt es das Wort vom „peinlichen Schweigen“. Andere Menschen empfinden Stille wie eine quälende Leere, die sie nicht aushalten, vor der sie weglaufen möchten. Auf solche Warnsignale sollten wir achten und präventiv tätig werden. Bei der Wiederherstellung einer ruhigen Umgebung, die Menschen gesund erhält, ihr Wohlbefinden stärkt und ihre Leistungsfähigkeit fördert, haben wir im Betrieb Möglichkeiten und Pflichten, auf die Verhältnisse und das Verhalten einzuwirken.

Verhältnisprävention
Nicht jeder Lärm lässt sich abschalten, der Schallpegel aber fast immer mindern. Deshalb sind diesbezügliche Möglichkeiten zu prüfen, auch wenn vorhandene Geräusche (längst) nicht innenohrschädigend sind. Dies gilt an allen Arbeitsplätzen in Produktion und Dienstleitung. Überprüfen Sie, welche akustischen Signale von Maschinen, Fahrzeugen oder Kommunikationsmitteln zwingend erforderlich und ob sie nicht entbehrlich sind oder durch optische Hinweiszeichen ersetzt werden können. Großraumbüros bieten durch menschliche Stimmen, Telefonsignale oder Bürogeräte geräuschintensivere Arbeitsplätze als kleinere Arbeitsräume. Bei der Neueinrichtung von Arbeitsplätzen sollte dieser Aspekt berücksichtigt werden. Erwägen Sie schallpegelmindernde Maßnahme durch entsprechende Arbeitsplatzanordnung, schallabsorbierende Decken-, Wand- und Möbelgestaltung sowie Aufstellung arbeitsplatznaher Schallschirme / Stellwände / Tischaufsätze. Pausenräume sollten so leise wie möglich und weitgehend frei von störenden Arbeitsplatz- und Umweltgeräuschen sein. Keine Musikberieselung am Arbeitsplatz – nicht in Produktionshallen und nicht in Büros! Als Belastungsfaktor bei Beschäftigten in Verkaufsräumen sind sie durchaus ernst zu nehmen.

Verhaltensprävention
Achten Sie doch einmal darauf, mit welchen Geräuschquellen sich die Beschäftigten im Betrieb (und auch Sie selber ...) sich ständig umgeben: Läuft immer das Radio? Schalten Sie zu Hause gewohnheitsmäßig den Fernseher an, der dann nebenbei läuft? Reden Sie oder Menschen in Ihrer Umgebung lauter als es nötig ist? Oder müssen Sie die ganze Zeit die Musik der Kollegen oder das Geräusch von Computerspielen hören?

Laute Musik in Discos und Konzerten schädigt nicht nur das Innenohr, sondern auch das Nervenkostüm. Gerade im Alltag tut es gut, mal ganz bewusst für Ruhe zu sorgen. Raten Sie doch einfach mal, jedenfalls zu Hause, so etwas wie stille Stunden einzurichten, in denen alle angehalten sind, Geräusche zu vermeiden. Gewöhnen Sie sich an, leise miteinander zu reden und bitten Sie im häuslichen Umfeld darum, die anderen mögen Kopfhörer aufsetzen, wenn sie Musik hören oder Computerspiele spielen. Empfehlen und nutzen Sie ruhig hin und wieder Gehörstöpsel oder Otoplastiken, um für Stille zu sorgen, auch im Büro.

Momente der Ruhe sind erholsam und Voraussetzung für körperliches und psychisches Wohlbefinden. Zunächst mag Stille seltsam und ungewohnt anmuten und Sie haben das Bedürfnis, sie zu füllen. Lassen Sie das zu, Sie werden sich schnell daran gewöhnen und sie dann als wohltuend empfinden. Wer die Zeit der Stille aushält, der macht die Erfahrung, wie heilsam Stille ist, weil sie neu die Fähigkeit gibt, aufmerksam und bewusst zu leben und weil sie uns vom ständig berieselten zum hinhörenden Menschen macht. Wäre das nicht ein lohnendes Ziel präventiver betriebsärztlicher Bemühungen in unseren Betrieben?