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Arbeitsmedizin

08.07.10

Identifizierung und Priorisierung relevanter Präventionsthemen arbeitsbezogener Muskel- und Skeletterkrankungen (MSE) – Übersicht arbeitsbezogener MSE

Autoren:
Dr. Elke Ochsmann, Prof. Dr. Thomas Kraus, Institut für Arbeits- und Sozialmedizin RWTH Aachen, Universitätsklinikum


Problemstellung
Angesichts der unterschiedlichen Erkrankungen und Funktionsstörungen, die unter dem Begriff MSE zusammengefasst werden [1], überrascht es nicht, dass es bis jetzt nur in spezifischen Einzelfällen gelingt, berufsbedingten MSE durch Präventionsmaßnahmen zu begegnen. Diese Situation ist insbesondere deshalb unbefriedigend, da gerade im Bereich der MSE sowohl angesichts der betroffenen Mitarbeiter, als auch angesichts der erheblichen direkten und indirekten Kosten für die Allgemeinheit Handlungsbedarf gegeben ist. Dieser Handlungsbedarf wird zudem von Jahr zu Jahr größer, da die Zahl der MSE-Patienten seit Jahren zunimmt.

Im Rahmen eines von der DGUV geförderten Projekts wurde eine Literaturrecherche durchgeführt, um Handlungsfelder im Bereich Berufsgruppen/Tätigkeitsfelder und MSE-Risikobereiche zu identifizieren und zu priorisieren, die in einer Kampagne zur Prävention von MSE am Arbeitsplatz Verwendung finden könnten. Das Projekt wurde gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Umweltmedizin der Universität Mainz (Prof. Letzel, Prof. Münster, Dr. Escobar-Pinzon), der FFAS Freiburg (Dr. Michaelis) und der Bergischen Universität Wuppertal (Prof. Hofmann) durchgeführt.

Methodisches Vorgehen zur Erfassung relevanter LiteraturDie Literaturrecherche basierte auf zwei Pfeilern:
Zunächst wurden Gesundheitsberichte aus Deutschland gesichtet. Dazu gehörten z. B. Gesundheitsberichte verschiedener gesetzlicher Krankenversicherungsträger (GKV) (BKK [2], IKK [3], TK [4], DAK [5], BARMER [6]). Informationen zu AOK-Daten flossen indirekt über Forschungsberichte in die Ergebnisse ein.

Weiterhin sind die gesetzlichen Unfallversicherer (z. B. DGUV) und z. B. das Institut für Arbeitsschutz (IFA) an der Berichterstattung beteiligt. Von staatlicher Seite wurden v. a. Daten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) berücksichtigt.

Auch die internationale wissenschaftliche Literatur wurde durchsucht. Das Augenmerk wurde hier auf Review-Artikel gelegt. Die Suche (s. Tabelle 1) lieferte insgesamt 2553 Treffer. Zwei Personen identifizierten daraus 61 relevante Studien, die tabellarisch erfasst und hinsichtlich Berufen und Tätigkeiten ausgewertet wurden.

Tabelle 1: Suchstrategie in den Datenbanken Pubmed und EMBASE

Erkrankungsbezug

AND

Berufsbezug

AND

Häufigkeit bzw. Risiko

musculoskeletal disease, musculoskeletal disorder, tendon, ligament, tendonitis, tendinopathy, joint, arthrosis, arthritis, arthalgia, spine, spinal, spondylitis, spondylosis, bursitis, synovitis, rheuma

bone, cartilage, disc, muscle, muscul, myopath*, myositis, impingement, degeneration, prolapse, carpal tunnel, repetitive strain

 

job, occupation*, employ*, industr*

 

prevalence

OR

work incidence

OR

risk

Limits: Human, Industrienation, Sprache: Deutsch und Englisch, Zeitraum: 2000-2009



Ergebnisse
Die genauen Ergebnisse der Arbeit sind auf der DGUV-Homepage dargestellt und können dort eingesehen werden (http://www.dguv.de/inhalt/praevention/aktionen/praeventions-kampagnen/mse/index.jsp). Im Folgenden werden die wichtigsten und häufigsten Zusammenhänge zwischen Beruf und MSE tabellarisch dargestellt (Tabelle 2), sortiert nach Lokalisation, ggf. mit Geschlechtsstratifizierung und unter Angabe von Odds Ratios (OR) bzw. Relative Risks (RR). Die Ergebnisse des Forschungsberichtes von Liebers/Caffier [7] wurden besonders gewürdigt. Die Datenlage und Datenqualität stellte sich insgesamt als sehr inhomogen dar.

Tabelle 2 : Ergebnisse der identifizierten Risikoberufe

Obere Extremität:

Untere Extremität:

BS-bedingte Nacken-Beschwerden:

• Metall-Berufe (RR 1,9-2,1, OR 5,6)

• Entsorgung (RR 2,2)

• Waldarbeiter (RR 1,9)

• Lagerarbeiter, Möbelpacker (RR 1,9)

Frauen: Glas-Keramik-Berufe (RR 2,0-2,3), Montiererinnen (RR 2,3),   Lebensmittel-industrie (RR 2,0), Gesundheitsdienst (BK 2109

BS-bedingte LWS-Beschwerden:

• Metallbereich (Schlosser, Verformer, OR 4,5)

• Druck- und Papierindustrie (OR 2,9-3,1),

• Verkehr- und Lager-Berufe (OR 1,7-1,9).

• Bauarbeiter (BK 2108)

Frauen: Köchinnen (OR 2,3), Verkäuferinnen (OR 1,5) und Gebäudereinigerinnen (OR 1,6), Gesundheitsdienst (BK 2108)

Nacken/Schulter-Schmerzen:

• Landwirtschaft (OR 1,6-2,4)

• Bürobereich (Bildschirmarbeitsplätze) (OR 1,5-4,4)

• Bauberufe (Gerüstbauer, Innenausstatter, Bauhilfsarbeiter) (OR 2,3-3,2), v. a. Schulter-schmerzen

LWS-Schmerzen:

• Entsorgung (OR 1,9-2,1)

• Sicherheitspersonal (Polizei, Militär) (hohe Prävalenzen, bis über 90%)

• Metallbereich (Halbzeugputzer, Emaillierer): (OR 2,0-2,2)

Frauen: Entsorgung (OR 3,5), Lebensmittelfabrik-arbeiterinnen (OR 2,4-3,5), Metallbereich (Nieter) (OR 2,4)

Ellenbogen (Enthesopathien, Epicondylitis):

• Polsterer, Matratzenhersteller (OR 2,8)

• Waldarbeiter (OR 2,5),

• Entsorger (OR 2,2-2,4),

• Arbeiter (Fließband, Lebensmittelindustrie) (RR 6,4-36,1; OR 1,5-7,0)

• Büroarbeitsplätze (OR 2,9-6,2);

Frauen: Metallarbeiter (Industrie) (RR 2,5-2,9), Papierherstellung und -verarbeitung (OR: 2,5-2,8)

Hüfte:

• Waldarbeiter (RR 2,4; RR Arthrose allgemein: 2,7),

• Entsorger (RR 2,0-2,5),

• Landwirte (RR 2-4, OR 1,8-13,3)

Hand/Handgelenk:

Rhizarthrose:

• Metallarbeiter (RR: 2,0-2,4),

• Montiererinnen (RR 2,4)

Karpaltunnelsyndrom:

• Polsterer, Matratzenhersteller (RR 3,3)

• Fleisch/Fisch-Verarbeitung/Fabrik/Tiefkühlkost (OR 8-36, RR 2,7-14,3),

• Metallberufe (Halbzeugputzer, Drahtverformer) (OR 2,6)

Knie:

• Baubranche (Estrich-, Terrazzoleger, Fliesenleger, Maler, Zimmerer: OR 1,4-

5,1, RR 2,2-23,1)),

• Bergbau (OR: 2,77-14,8),

• Entsorgung (RR 2,0),

• Landwirte (OR 3,2),

• Waldarbeiter (OR 2,1, RR Arthrose allgemein: 2,7)

Tendosynovitis, Synovitis, Hand(gelenks)beschwerden:

• Büro (OR 2,0-4,2)

• Fabrik (Fließband (OR 1,1-9,0), Packer (RR bis 14), Lebensmittelindustrie (OR

2,5-2,8), Papierindustrie (RR 2,4-2,9))

• Metall-Berufe (2,0-2,6)

• Innenausstatter (RR 2,5-5,3)

Füße:

• Entsorger (2,3-2,4)

• Waldarbeiter (RR 2,0),

• Soldaten


Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Im Rahmen der Literaturrecherche wurden Gesundheits- und Forschungsberichte aus/über Deutschland zusammen mit wissenschaftlichen Artikeln ausgewertet, um Risikobereiche für einen Zusammenhang zwischen Beruf und MSE zu identifizieren. Dieses Wissen soll als Grundlage für die Implementierung zielführender Präventionsmaßnahmen oder Präventionskampagnen dienen. Jedoch müssen bei der Interpretation der Ergebnisse auch einige Limitationen berücksichtigt werden.
Die meisten Gesundheitsberichte beschränken sich auf die Erfassung von AU-Fällen bzw. AU-Tagen. Dies ist im besten Fall als Surrogat für Prävalenzen anzusehen, zumal die Darstellung (z. B. pro 1000 Versicherter) nicht in allen Berichten konsistent war. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass in den GKVen z. T. Personengruppen versichert sind, die aus bestimmten Berufsfeldern kommen. Daher ist ein zahlenmäßiger Inter-Kassen-Vergleich von AU-Fällen nicht sinnvoll. Sinnvoller und wünschenswerter wäre eine landesweite Darstellung aller Kassen, für deren Etablierung aber eine genaue Absprache zwischen allen Beteiligten notwendig wäre. Solch kooperative Ansätze wurden auf EU-Ebene bereits gefordert, zum jetzigen Zeitpunkt kann eine umfassende Umsetzung dieser Forderung in Deutschland noch nicht beobachtet werden. Eine systematische Aufarbeitung der AU-Fälle wäre aber, neben einer systematischen Erfassung von arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen, hilfreich, um branchen-übergreifend Risikogruppen und –berufe zu identifizieren.

Es existieren zahlreiche Forschungs-Bemühungen das deutsche MSE-Geschehen detailliert zu erfassen. Exemplarisch sei der Forschungsbericht der Autoren Liebers und Caffier besonders hervorgehoben, der einen umfassenden epidemiologischen Überblick gibt. Bei der Interpretation und einem Vergleich mit anderen Daten muss allerdings berücksichtigt werden, dass sich die Angaben in dieser Arbeit auf Fälle und nicht auf erkrankte Individuen beziehen und dass auf die ICD 10-Codierungen (DIMDI, 1999/2000) zurückgegriffen wurde. Beide Aspekte liegen aber u. a. auch in der bereits oben kritisierten Rahmenbedingungen der Gesundheitsberichtserstattung in Deutschland begründet.

Da die Einschätzung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands prinzipiell v. a. über Originalarbeiten erfolgen sollte, bleibt abschließend zu vermuten, dass die ausschließliche Betrachtung von Reviews zu einer Verzerrung des aktuellen Kenntnisstandes führen könnte. Letztendlich muss zukünftig insbesondere für die sog. MSE-Gesundheitsberichtserstattung eine „Vereinheitlichung“ (Verwendung identischer Kennzahlen) gefordert werden, um die Ergebnisse besser vergleichbar zu machen.

Danksagung:
Dank gebührt allen anderen Arbeitsgruppenmitglieder aus Aachen, sowie den Kolleginnen und Kollegen der arbeits-medizinischen Institute der Universität Mainz und des FFAS in Freiburg sowie der Bergischen Universität Wuppertal für Ihre Unterstützung bei der Bearbeitung des Forschungsprojektes (die Ergebnisse ihrer Teilprojekte sind ebenfalls unter der o. g. Internet-Adresse einzusehen), weiterhin Herrn Dr. Ellegast (IFA) und Herrn Prof. Hartmann (BG Bau) für die projektbezogene Beratung und Betreuung.

 

Literatur:

1. Schmidt CO, Raspe H, Pfingsten M, Hasenbring M, Basler HD, Eich W, Kohlmann T. 2007. Back pain in the German adult population – prevalence, severity, and sociodemographic correlates in a multiregional survey. Spine 32:2005-11

2. BKK Bundesverband. 2008. BKK Gesundheitsreport 2008 – Seelische Krankheiten prägen das Krankheitsgeschehen. BKK Bundesverband

3. IKK-Bundesverband. 2008. Arbeit und Gesundheit im Handwerk. IKK impuls, 2007.

4. Gesundheitsreport 2009- Veröffentlichung zum betrieblichen Gesundheitsmangement der TK. Techniker Krankenkasse, Hamburg, Band 21

5. IGES Institut für Gesundheits- und Sozialforschung GmbH. 2003. DAK Gesundheitsreport 2003. DAK Gesundheitsmagement

6. Wieland R., (BARMER- Ersatzkasse). 2008. BARMER Gesundheitsreport 2008 Rückengesundheit- Rückhalt für Arbeit und Alltag, Barmer Ersatzkasse, Wuppertal

7. Liebers F., Caffier G. 2009. Berufsspezifische Arbeitsunfähigkeit durch Muskel-Skelett-Erkrankungen in Deutschland. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. F1996 (im Druck)

 Weiteren Literaturangaben finden Sie in dem Forschungsbericht unter (http://www.dguv.de/inhalt/praevention/aktionen/praeventions-kampagnen/mse/index.jsp)