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Der Verband

06.04.11

Interview mit Arbeitsministerin Dr. Ursula von der Leyen: „Voraussetzung ist ein respektvoller Umgang miteinander auf und zwischen allen Hierarchieebenen.“

Die Arbeitswelt erlebt einen tiefgreifenden Wandel und ist von Modernisierungsprozessen geprägt. Ein respektvoller Umgang miteinander, das Festhalten an Werten und die Erhaltung von Gesundheit am Arbeitsplatz müssen daher mehr denn je an Bedeutung gewinnen. Im Gespräch mit VDBWaktuell spricht Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen darüber, wie sich die Arbeitsgesellschaft in den nächsten 20 Jahren verändern wird und wie wichtig Mitarbeiterorientierung ist.


Sehr geehrte Frau von der Leyen, was werden nach Ihrer Einschätzung die tiefgreifendsten Herausforderungen in der Arbeitsgesellschaft in den nächsten 20 Jahren sein?

von der Leyen: Das alles dominierende Thema wird der Fachkräftemangel sein. In 15 Jahren wird es mehr als fünf Millionen Menschen im Erwerbsalter weniger geben. Auch wenn wir uns das jetzt kaum vorstellen können: Nicht die Arbeit geht uns aus, sondern den Unternehmen die passenden Arbeitskräfte. Das bringt mit sich, dass Unternehmen stärker auf die Wünsche dieser wertvollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingehen müssen. Die fragen ganz selbstverständlich nach Zeiten für Kindererziehung, Pflege und Weiterbildung, aber auch nach flexiblen Arbeitszeiten, gesundheitsschonenden Abläufen und Telearbeit. Im Strukturwandel hingegen stecken wir heute schon mitten drin. Wir müssen jetzt die Weichen stellen, dass wir nicht Fachkräftemangel auf der einen Seite bekommen und gleichzeitig Massenarbeitslosigkeit auf der anderen Seite.


Wie könnten vereinte Anstrengungen aussehen, um die Probleme in den Griff zu bekommen? Welchen Beitrag zur Lösung dieser Probleme erwarten Sie dabei von Arbeitsmedizinern?

von der Leyen: Politik kann Rahmenbedingungen verbessern – beispielsweise bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aber auch die Unternehmen sind gefordert, müssen umdenken und die Arbeitsbedingungen in den Betrieben attraktiv gestalten. Hier kommen auch die Arbeitsmediziner ins Spiel. Sie wissen am besten, wo Gesundheitsschutz modernisiert, kräfteschonende Arbeitsprozesse und eine wertschätzende Arbeitsatmossphäre entwickelt sowie Prävention frühzeitig ansetzen muss. Es geht darum, innovative Ideen zu entwickeln und sie mit Nachdruck in den Köpfen der Unternehmensführung zu verankern. Hier kann der Ausschuss für Arbeitsmedizin eine tragende Rolle spielen. Die Betriebsärzte können Impulse geben, die dazu beitragen, ihr Unternehmen zukunftsfähig zu machen.


Sie sind selbst Medizinerin und wissen, dass Arbeitsmediziner die Auswirkungen von Stress und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz kennen – sowohl auf die Gesundheit der Arbeitnehmer als auch auf deren Leistungsfähigkeit. In welchem Maße kann werteorientiertes Handeln in Unternehmen dazu beitragen, die Mitarbeiter gesund und leistungsfähig zu halten?

von der Leyen: Aktuelle Untersuchungen zeigen uns: Wo Menschen gerne arbeiten, werden sie weniger oft krank und engagieren sich zudem überdurchschnittlich im Job. Voraussetzung ist sicher ein respektvoller Umgang miteinander auf und zwischen allen Hierarchieebenen. Es geht dabei um Vertrauen, Transparenz über Abläufe, gute Führung und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen. Wenn das alles zusammenkommt, profitieren alle davon.


Sie führen eines der größten Ministerien der Bundesregierung. Welche Werte sind Ihnen dabei persönlich wichtig? Wie schaffen Sie es, dass diese Werte in Ihren Referaten und Abteilungen gelebt werden?

von der Leyen: Für mich steht der wertschätzende und respektvolle Umgang miteinander ganz oben an. Auch, wenn im politischen Alltag häufig die Fetzen fliegen und fast immer alles rasend schnell gehen muss, ist das die Grundvoraussetzung für gute Arbeit. Ich freue mich, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verantwortung für politische Prozesse mittragen wollen und auch mal mit kreativen Ideen an die Tür klopfen. Hierarchien sind für mich dabei nicht entscheidend, ich spreche gern persönlich mit den Menschen. Wenn jemand dabei fachliche Kompetenz, Effizienz und Kollegialität beweist und gleichzeitig auch mal neue Wege beschreiten will, ist das wirklich klasse. Ich erwarte von meinen Führungskräften, dass sie Flexibilität fördern, Kolleginnen und Kollegen mit Behinderungen Entfaltungsmöglichkeiten geben und insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht nur positiv unterstützen, sondern möglichst auch selbst vorleben.


Frau von der Leyen, eine persönliche Frage: Sie machen Politik auf höchster Ebene, haben sieben Kinder – eine Höchstleistung. Viele Menschen fragen sich: Wie schaffen Sie das? Haben Sie ein Patentrezept gegen Überlastung?

von der Leyen: Ein Patentrezept gibt es nicht. Ich habe lernen müssen, Prioritäten richtig zu setzen. Ich überlege mir zum Beispiel immer ganz genau, ob ich zu dieser oder jener Abendveranstaltung in Berlin wirklich gehen muss. Und ich versuche, die Arbeitsabläufe in meinem Ministerium so effizient wie möglich zu gestalten. Und ich verteidige meine Freiräume. Meine Wochenenden sind Inseln, die bis auf ganz wenige Ausnahmen exklusiv der Familie gehören. Dafür sammle ich werktags akribisch jede freie Minute. Bei meinem Mann und meinen Kindern tanke ich neue Kraft und frische Luft. Ich ernähre mich gesund, jogge, wann und wo es geht. Aber ohne meinen geliebten Latte Macchiato würde es trotzdem eng werden, die langen Tage zu wuppen.

Frau von der Leyen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Lebenslauf – Dr. Ursula von der Leyen

Familienstand
Geburtsdatum 8. Oktober 1958
Geburtsort Brüssel

Politischer Werdegang
seit November 2009 Bundesministerin für Arbeit und soziales

seit Oktober 2009 Mitglied des Bundestages

2005 – 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

1999 Mitglied im Arbeitskreis Ärzte der CDU Niedersachsen

seit 1990 CDU-Mitglied

Beruflicher und wissenschaftlicher Werdegang
1998 – 2002 Wissenschaftliche Mitarbeiterin Abteilung Epidemiol Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung (MHH)

1992 – 1996 Aufenthalt in Stanford, Kalifornien / USA

1988 – 1992 Assistenzärztin, Frauenklinik der MHH

Ausbildung
2001 Magister Public Health (M.P.H.)

1980 – 1987 Studium der Medizin (Medizinische Hochschule Hannover; MHH)

1971 – 1976 Mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium, Lehrte

1964 – 1971 Europäische Schule in Brüssel

 
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