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Arbeitsmedizin

08.07.10

Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe: „Nur ein gesunder Arzt kann Patienten helfen“

Wer anderen helfen will, muss selbst stark sein. Deshalb lernt jeder, der an einem Erste-Hilfe-Kurs teilnimmt, zuerst sich selbst zu schützen und seine Fähigkeiten einzuschätzen, bevor er andere unterstützt. Doch ausgerechnet Ärzte lassen die eigene Gesundheit oft außer Acht, ignorieren die eigenen Belastungsgrenzen und die drohenden Folgen, wenn diese dauerhaft überschritten werden. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Hoppe, über die veränderte Arbeitswelt, das medizinische Selbstverständnis, den Job zwischen Leistungsdruck, unzumutbaren Bedingungen und Berufung, über überfällige Maßnahmen und die Rolle der Expertise von Betriebs- und Werksärzten.

Immer mehr Ärzte denken über eine medizinische Beschäftigung außerhalb des kurativen Betriebes nach – oder sogar ans Auswandern. Ältere Ärzte streben einen frühen Ruhestand an, Burnout ist an der Tagesordnung. Ist der ehemalige Traumberuf Arzt zum Albtraum geworden?
Prof. Hoppe: Diese Entwicklung sehen wir mit großer Sorge. Eine Umfrage hat unlängst ergeben, dass der Arztberuf zu den zehn unbeliebtesten Berufen in Deutschland zählt. Das liegt an den zum Teil unzumutbaren Arbeitsbedingungen, einer als ungerecht empfundenen Bezahlung und der häufigen Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. Hinzu kommt ein Übermaß an bürokratischen und administrativen Aufgaben. Gerade in Zeiten einer älter werdenden Bevölkerung und eines wachsenden Behandlungsbedarfes muss es ein gesamtgesellschaftliches Anliegen sein, junge Ärztinnen und Ärzte wieder für eine langfristige Tätigkeit in Klinik und Praxis zu gewinnen. Die Bevölkerung hat längst erkannt, dass Ärztinnen und Ärzten vernünftige Arbeitsbedingungen geboten werden müssen, wenn mittelfristig eine Gefährdung durch übermüdete Ärzte oder eine Unterversorgung durch fehlenden ärztlichen Nachwuchs vermieden werden sollen. Wir begrüßen es daher sehr, dass das Bundesministerium für Gesundheit unter der Leitung von Herrn Dr. Rösler jetzt den engen Dialog zu notwendigen Maßnahmen mit der Ärzteschaft führt. Dies bedeutet aber auch, dass gerade die erfahrenen Ärztinnen und Ärzte sehr genau darauf achten sollten, welchen Eindruck sie von ihrem Beruf einer jüngeren Generation vermitteln. Meine Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen zeigen mir, dass trotz aller bekannten Schwierigkeiten die meisten ihren Beruf immer noch als Berufung erleben.

Neben der physischen Belastung – wenig Schlaf, lange Arbeitszeiten, stundenlanges Stehen im OP bei Klinikärzten – scheint der psychische Druck auf die Ärzte immer mehr zuzunehmen. Alkoholkonsum und die Einnahme von Benzodiazepinen sind nicht selten. Hängt das auch damit zusammen, dass Mediziner durch die jahrzehntelange Rationierung im Gesundheitssystem verstärkt zu einer Abwägung zwischen medizinischen und ökonomischen Entscheidungen gezwungen werden und selbst immer schwerer damit fertig werden?
Prof. Hoppe: Da gibt es mit Sicherheit einen Zusammenhang. Schon heute decken die gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr in vollem Umfang das ab, was medizinisch notwendig und geboten wäre. Notwendige Behandlungen werden immer öfter dem Finanzierbaren untergeordnet. Das bekommen viele Patienten aber noch nicht zu spüren, weil Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und Pfleger mit großem persönlichem Engagement und nicht selten bis an den Rand der Erschöpfung versuchen, die Versorgung aufrechtzuerhalten. Aber so kann es nicht weitergehen. Auf Dauer lässt sich die Unterfinanzierung in der GKV nicht durch unbezahlte Arbeit kompensieren. Wir fordern deshalb die Politik auf, endlich die Probleme im Gesundheitssystem zu lösen und dafür dauerhafte Grundlagen zu schaffen.

Ärzte scheinen eigene Erkrankungen wie eine Niederlage zu bewerten, so als würde einem Architekten das eigene Haus einstürzen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sie Symptome am eigenen Leib oft gar nicht oder erst zu spät wahrnehmen und sich in den seltensten Fällen Hilfe von Kollegen holen? Muss hier ein Umdenken in der Ärzteschaft einsetzen?
Prof. Hoppe: Dieses Problem spielt sich aus meiner Sicht nicht nur in der Ärzteschaft ab, sondern hat längst in unserer Leistungsgesellschaft viele andere Berufszweige erreicht. Sehen Sie sich zum Beispiel den Rückgang der Krankmeldungen infolge der Finanzkrise an. Ärztinnen und Ärzte sind allerdings besonders stark gefährdet, ihre persönlichen Bedürfnisse zum Wohle der Patienten zu stark zurückzustellen. Die Kooperation der Bundesärztekammer mit den zuständigen Verbänden hat bereits viele positive Ansätze und Konzepte in den letzten Jahren ermöglicht. Dennoch: Nur ein erholter und gesunder Arzt kann Patienten langfristig erfolgreich seine Hilfe anbieten. Hier gibt es noch jede Menge Aufklärungsbedarf.

Arbeitsmediziner kennen die Auswirkungen von Stress und Unzufriedenheit am Arbeitsplatz – sowohl auf die Gesundheit der Arbeitnehmer als auch auf deren Leistungsfähigkeit. Wäre es nicht an der Zeit, diese Erkenntnisse auf die Arbeitssituation von Ärzten zu übertragen und verpflichtend Untersuchungen und Supervisionen von Ärzten einzuführen, um frühzeitig Erkrankungen vorbeugen zu können? Sollten begleitende Maßnahmen zur Stressbewältigung und zur Einschätzung der eigenen Belastungsgrenzen bereits während des Studiums angeboten werden?

Prof. Hoppe: Die Berücksichtigung der aktuellen Erkenntnislage über die negativen Nebenwirkungen des Stress und der Unzufriedenheit ist wichtig. Inwiefern eine verpflichtende Untersuchung in diesem Zusammenhang wirklich einen Benefit darstellen kann, sollten die zuständigen Fachgremien erörtern. Dies umfasst auch die fachliche Einschätzung, ob ein passendes Angebot während des Studiums zielführend integrierbar ist. Hier gilt es zu berücksichtigen, dass viele interessante Vorschläge zur Ergänzung und Modernisierung des Studiums vorliegen, gleichzeitig soll aber auch die Gesamtstruktur den zeitlichen Rahmen des Studiums nicht überschreiten.

Wie können engagierte Ärzte lernen, selbst gute Patienten zu werden?
Prof. Hoppe: Frühe und wiederholte Aufklärung und Information sind sicherlich wesentliche Bausteine. Neben der Vermittlung des Wissens während des Studiums sind Veröffentlichungen in den Fachjournalen durch Fachverbände und Ärztekammern, aber auch wiederholte Informationsveranstaltungen notwendig. Die Integration der langjährigen Expertise der Betriebs- und Werksärzte ist von besonderer Bedeutung. Hierbei gilt es auch die Besonderheiten des „Patienten-Arzt-Verhältnis“ zwischen Kollegen zu berücksichtigen. Daher ist nicht nur die Bereitschaft eines Arztes, sich als Patienten wahrzunehmen, sondern auch der spezifische und vertrauensvolle Umgang durch die behandelnden Kollegen aus meiner Sicht von entscheidender Bedeutung.

Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren auf uns zu? Wie könnten vereinte Anstrengungen aussehen, um das Problem in den Griff zu bekommen? Was unternimmt die Bundesärztekammer? Und welche Rolle können dabei Arbeitsmediziner spielen?
Prof. Hoppe: Der Versorgungsbedarf steigt unaufhörlich, das liegt schon allein in der demografischen Entwicklung begründet. Die Menschen werden älter und sind im Alter häufiger krank. Wir beobachten aber auch bei jüngeren Menschen eine Zunahme chronischer Erkrankungen. Denken Sie nur an die Zunahme psychischer Erkrankungen in der Arbeitswelt, die einen zunehmend größeren Stellenwert einnehmen und damit eine wachsende Herausforderung für unsere Gesellschaft darstellen. Gute Konzepte der betrieblichen Gesundheitsförderung und Wiedereingliederung spielen eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung dieser Herausforderung. Von großer Bedeutung ist hier die etablierte Kooperation zwischen Bundesärztekammer, Landesärztekammern sowie den Verbänden und Institutionen der Arbeits- und Betriebsmedizin.

Prof. Hoppe, wir danken für das Gespräch.