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Arbeitsmedizin

17.09.11

Extra-aurale Schallwirkungen im Büroumfeld

Die Büroarbeitswelt ist in den letzten Jahrzehnten einem dramatischen Wandel unterzogen worden. Sowohl die Arbeitsanforderungen als auch die akustischen Bedingungen haben sich geändert. In heutigen Büroumgebungen steht die wissensbasierte Arbeit, die immer weniger routiniert und immer mehr durch Innovation und Kreativität gekennzeichnet ist, im Vordergrund. Die Anforderungen an den heutigen Mitarbeiter in Büroumwelten steigen sowohl mit der Informationsvielfalt und den damit einhergehenden erforderlichen kognitiven Selektionsprozessen zur Filterung relevanter Informationen als auch mit den sich stetig verändernden Aufgabengebieten. Auch das vernetzte Arbeiten in Teams nimmt immer mehr zu, wodurch eine permanente Kommunikation und Interaktion notwendig wird. Diesem Trend der stetig wachsenden Informations- und Kommunikationsgesellschaft stehen praktische Anforderungen des Facility-Management gegenüber: Immer mehr Mitarbeiter sollen immer weiter auf definierte Flächen „verdichtet“ werden, oftmals in „Open Space“-Büroumwelten. Der erhöhte Informations- und Kommunikationsbedarf bei gleichzeitiger Flächenverdichtung führt zu immer mehr Beschwerden der Mitarbeiter, und Lärm in Büroumwelten ist in vielen Befragungen zum Thema Nr. 1 geworden. Waren es in früheren Büroumgebungen noch z.B. Nadeldrucker, die zur erheblichen Störung beigetragen haben, zeigen die Untersuchungen der letzten 20 Jahre, dass besonders menschliche Sprachschalle sowohl auf kognitive Leistungen als auch auf Belästigung und physiologische Reaktionen einen signifikant negativen Einfluss haben. Doch wie wirkt der Lärm auf den Mitarbeiter?

Es gibt eine Reihe von Modellen, die die Wirkung des als Lärm wahrgenommenen Schalls auf den Menschen betrachten. Von auralen Effekten wird dann gesprochen, wenn der Schall einen direkt schädigenden Effekt auf die Sinneszellen des Innenohres – die Haarzellen – hat, wie z.B. zeitweise Hörschwellenverschiebungen (Temporary Threshold Shift) und Knall- und Explosionstrauma (akute Störungen).

Von chronischen Wirkungen spricht man z.B. bei der berufsbedingten irreversiblen Lärmschwerhörigkeit (Permanent Threshold Shift). Diese Effekte können als direkt schädigend angesehen werden und stehen in der Arbeitsmedizin und in Begutachtungsverfahren im Fokus. Die Dosis-Wirkungs-Beziehungen für diese direkt schädigenden Schalle beginnen bei gemittelten Schallpegeln von mindestens 80 dB(A), der unteren Auslöseschwelle für das Tragen von Gehörschutz.

Im Büroumfeld hingegen kann man von Schallpegeln ausgehen, die eine Spannbreite von ca. 35 dB(A) in einem unbesetzten Büro bis hin zu ca. 70 dB(A) in voll besetzten Büroumwelten erreichen können. In diesem Pegelbereich spricht man nicht mehr von auralen Effekten, sondern von extra-auralen Schallwirkungen. Extraaurale Effekte betreffen nicht das periphere Hörvermögen, sondern werden durch intrapsychische, psycho-physiologische
und kognitive Prozesse vermittelt.

In einem Literaturüberblick der letzten 20 Jahre anhand von 29 ausgewählten Originalarbeiten (43 Untersuchungen) zu den Schall- und Lärmwirkungen im Büroumfeld (Meis & Klink, 2010a) zeigte sich, dass extraaurale Wirkungen primär nicht im Sinne von pegelabhängigen Dosis-Wirkungsanalysen zu erwarten sind. Vielmehr zeigte sich, dass schon ab einem Schallpegel von 35 dBA mit abträglichen Wirkungen zu rechnen ist, wobei die Qualität des Schalls, d.h. seine spektro-temporale Struktur, entscheidend ist. Diese Wirkungen beziehen sich auf kognitive Leistungen (Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, Ausführen komplexer Anweisungen), Belästigungsreaktionen und psycho-physiologische Indikatoren (Stresshormone, Blutdruck, Muskeltonus). Im Folgenden werden drei exemplarische Untersuchungen kurz erläutert.

Helenius und Hongisto (2004) führten im Rahmen von geplanten akustischen
Verbesserungen in einem Großraumbüro (125 Arbeitsplätze) einen Vorher-Nachher-Vergleich der Belästigung durch verschiedene Umweltbedingungen durch. Sie befragten Mitarbeiter vier Monate vor und ein Jahr nach dem Umbau bezüglich akustischer Interventionsmaßnamen. Sowohl vor als auch nach der Maßnahme stellte der Lärm im Büro (Durchschnittspegel 49 bzw. 48 dB(A)) die größte Störquelle dar, gefolgt von der Temperatur und den Lichtbedingungen.
Helenius und Hongisto (2004) zeigten, dass durch umfangreiche, kombiniert durchgeführte akustische Maßnahmen (Soundmasking, Absorber, Besprechungsinseln) im pre-post Vergleich (N = 69 / N = 45) der Anteil hoch belästigter Mitarbeiter durch „Sprache und Lachen in der Nähe“ und „Telefonklingeln (lassen)“ um 16 – 18 % reduziert werden konnte. Das Maskierungssystem selbst (36 – 42 dB(A)) führte dabei zu marginalen Belästigungswirkungen, die mit denen einer raumlufttechnischen Anlage vergleichbar waren.

Bürolärm ist oft nicht nur lästig, sondern kann auch negative Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit und die kognitiven Fähigkeiten von Betroffenen haben. Wie stark die Beeinträchtigung der kognitiven Leistung ist, hängt oft von der Art der ausgeführten Tätigkeit und der Schallart ab. Die Literaturübersicht zeigte, dass leichte, routinierte, vorwiegend praktische Tätigkeiten meist nicht signifikant durch Bürolärm beeinträchtigt werden. Bei etwas schwierigeren Aufgaben wie dem Merken von Text oder Rechnen, die das Arbeitsgedächtnis stärker beanspruchen, sind in vielen Studien negative Auswirkungen von Bürolärm festgestellt worden, und zwar schon ab einem Schallpegel von 35 dB(A). Schlittmeier, Hellbrück und Kollegen (2008) wiesen im Rahmen eines Experimentes zum Arbeitsgedächtnis (Merken von Zahlenreihen) nach, dass die Fehlerrate bei Bedingungen mit gut verständlicher Sprache (35 und 55 dB(A)) signifikant höher war als bei Bedingungen mit schlecht verständlicher Sprache und einer Ruhebedingung. Eine Senkung des Schallpegels bei gleich bleibender guter Sprachverständlichkeit hatte keine signifikanten Auswirkungen auf die Fehlerrate. Nicht die Höhe des Schallpegels, sondern die Charakteristika der menschlichen Sprache führte zu den Leistungseinbußen. Schon länger ist bekannt, dass Lärm verschiedene Stressreaktionen wie Hormonfreisetzung, Störung des Herz-Kreislauf-Systems, Erhöhung des Muskeltonus, Verringerung der Magensaft- und Speichelproduktion, Pupillenerweiterung, Stoffwechselsteigerung, kurzfristigen Blutzuckeranstieg oder Atemfrequenzänderungen auslösen kann (Ising et al., 1996, Maschke, 2000). Auswirkungen von Bürolärm auf physiologische Vorgänge wurden unter anderem in der folgenden Studie untersucht: In der Studie von Evans und Johnson (2000) wurde den jeweils 20 Teilnehmern in der Ruhe- und Bürolärmbedingung nach Ende der simulierten Bürositzung Urin entnommen. Auswertungen ergaben, dass Teilnehmer, die dem simulierten Bürolärm (mittlerer Pegel 55 dB(A)) ausgesetzt waren, einen signifikant höheren Pegel an Adrenalin aufwiesen als Teilnehmerinnen der Kontrollgruppe (mittlerer Pegel 40 dB(A)), während sich die Werte von Noradrenalin und Cortisol zwischen beiden Gruppen nicht unterschieden.

Neben physiologischen Auswirkungen kann Bürolärm auch Einfluss auf andere körperliche Tätigkeiten haben. Evans und Johnson (2000) bemerkten, dass Teilnehmer ihrer Studie, die Bürolärm ausgesetzt waren, nur halb so viele ergonomische Änderungen ihrer Körperhaltung (durch Anpassung ihres Stuhls, Tisches, Monitors, der Tastatur, der Fußstütze, etc.) am Arbeitsplatz vornahmen wie Teilnehmer der Kontrollgruppe. Sie wiesen darauf hin, dass weniger Änderungen in der Körperhaltung einen Risikofaktor bei der Entstehung von Skelettmuskelkrankheiten darstellen. Fasst man die obigen Untersuchungen zusammen, kommt man zu dem Schluss, dass alleinige schallpegelorientierte Maßnahmen in Büroumwelten nicht ausreichen, die Bedingungen zu optimieren. Im Fokus neuerer Optimierungsansätze werden daher in Abhängigkeit der Arbeitsanforderungen im Büroumfeld die drei Einwirkgrößen frequenzabhängige Nachhallzeiten, Direktschall und Schallpegel betrachtet. Um aufwändige Messungen nicht in jedem Büro durchführen zu müssen, wurde zur raschen Identifizierung von akustischen Hotspots ein Fragebogen-Inventar zur ökonomischen Identifizierung möglicher akustischer und nicht-akustischer Störquellen entwickelt, welches als Tool für Mitarbeiterbefragungen, z.B. für das Facility-Management und dem Arbeitsmedizinischen Dienst nutzbar ist, um maßgeschneiderte (akustische) Optimierungsschritte für Büroumwelten durch das Unternehmen im Verbund mit dem Mitarbeiter einleiten zu können (Meis & Klink, 2010b).

zur Person
Dr. Dipl. Psych. Markus Meis
» Bereichsleiter Markt- und Wirkungsforschung Hörzentrum Oldenburg GmbH
Kontakt: markus.meis@no-spam.hoerzentrum-oldenburg.de