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Arbeitsmedizin

06.04.11

Untersuchungen zur Lehrergesundheit in Rheinland-Pfalz

Lehrkräfte nehmen in Bildung und Erziehung eine Schlüsselposition in unserer Gesellschaft ein. Die Rahmenbedingungen des Lehrerberufes führen dazu, dass Lehrkräfte z.T. erheblichen psychomentalen, physikalischen, biologischen und chemischen Belastungen ausgesetzt sind. Art und Umfang dieser Belastungen sind u.a. von der speziellen Schulart, den zu unterrichtenden Schülern, der Kommunikation und Arbeitsorganisation an der jeweiligen Schule sowie den baulichen Gegebenheiten abhängig. Diese Belastungen führen bei Lehrkräften vermehrt zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit und einem vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand. Die Belastbarkeit der Lehrkräfte wird ebenso vom Alter, Geschlecht, allgemeinem Gesundheitszustand sowie den persönlichen Ressourcen und Bewältigungsstrategien beeinflusst.

Die Fürsorgepflicht des Dienstherrn für eine arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Betreuung von Beschäftigten ist in Deutschland rechtlich verankert. Die entsprechenden rechtlichen Vorgaben sind unter Berücksichtigung der Landesgesetze auch für Lehrkräfte verbindlich. Zu einer Sondersituation an Schulen kommt es durch das Schulorganisationsrecht, das eine Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen dem Land als Personalverantwortlichem und den kommunalen Gebietskörperschaften als Schulträger vorsieht. Die arbeitsmedizinische Versorgung von Lehrkräften wird in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich wahrgenommen.

Die Arbeitsmedizin als präventives medizinisches Fach kann Wesentliches zum Erhalt und der Förderung der Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit von Lehrkräften beitragen. Das Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz hat deshalb das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz beauftragt, ein Konzept für eine arbeitsmedizinische Betreuung der Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte in Rheinland-Pfalz zu entwickeln. Wesentliche Grundlage hierfür war neben der Betrachtung der soziodemographischen Daten der Lehrkräfte die Erfassung von Belastungsfaktoren durch Betreuung von Projektschulen. Die Betreuung der Projektschulen schloss eine Schulbegehung zur Gefährdungsbeurteilung, ein Gruppeninterview zur Erfassung psychosozialer Belastungen der Lehrkräfte und einen interaktiven Workshop zur Bearbeitung der entsprechenden Problemfelder ein. Bei Bedarf konnte eine weitere individuelle arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Beratung und Begleitung der Projektschulen in Anspruch genommen werden.

Die einzelnen Module wurden primär qualitativ ausgewertet. Um dem individualmedizinischen Beratungsbedarf von Lehrkräften gerecht zu werden, wurde im Laufe des Projektes eine berufsspezifische Sprechstunde für Lehrkräfte am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin in Mainz eingerichtet.

Für die Entwicklung des Konzeptes einer arbeitsmedizinischen Betreuung der Lehrkräfte in Rheinland-Pfalz ergaben sich aus der Analyse der soziodemographischen Daten, der Projektarbeit an den Schulen und der „Lehrersprechstunde“ folgende wesentliche Erkenntnisse:

Soziodemographische Aspekte, die u.a. zu berücksichtigen sind:

» Geschlechtsspezifische Einflussfaktoren sind in unterschiedlichem Ausmaß zu 
   berücksichtigen (z.B. Mutterschutz).

» Die Altersstruktur der Lehrkräfte weist zukünftig auf steigende Zahlen 
   altersbedingter Pensionierungen bzw. krankheitsbedingter    
   Arbeitsunfähigkeitszeiten hin. Dies muss durch die Einstellung von      
   Nachwuchskräften aufgefangen werden.

Aus der Betreuung der Projektschulen ergeben sich u.a. folgende Aspekte:
» Schulbegehungen sind dringend erforderlich.
» Diese sollten immer unter Beteiligung aller für den Arbeits- und            
   Gesundheitsschutz Verantwortlichen bzw. bei bauseitigen Mängeln nur unter
   Beteiligung der Vertreter des Schulträgers (Kommune) erfolgen.
» Schulbegehungen sollten in regelmäßigen Abständen sowie    
   schulartbezogen und bedarfsgerecht erfolgen.
» Anlassbezogene Schulbegehungen sollten jederzeit möglich sein.
» Bei der Planung, dem Umbau bzw. der Sanierung von Schulgebäuden sind    
   Vertreter der Arbeitsmedizin und Sicherheitstechnik einzubeziehen.
» Der Schulleitung sollte die Verantwortung für die Gefährdungsbeurteilung   
   übertragen werden.
» Zur Erfassung psychomentaler Belastungen und Beanspruchungen im        
   Schulalltag haben sich Gruppeninterviews als sehr effektiv erwiesen.
» In Workshops konnten Lehrkräfte unter fachlicher Begleitung   
   alltagstaugliche Lösungsstrategien für innerschulische Problemfelder         
   erarbeiten.
» Gruppeninterviews und Workshops benötigen sowohl eine ausreichende     
   zielorientierte Strukturierung als auch eine fachkompetente Begleitung und
   Moderation.

Aus der berufsspezifischen Sprechstunde ergeben sich zahlreiche Aspekte, die bei einer individuellen arbeitsmedizinischen Beratung zu berücksichtigen sind:

» Die Belastungen und Beanspruchungen von Lehrkräften weisen darauf hin,   
   dass eine allgemeine und individuelle arbeitsmedizinische Betreuung         
   dringend erforderlich ist.

» Voraussetzung hierfür ist eine ausreichende Vertrauensbasis zwischen        
   Lehrkräften und Ärzten sowie eine personelle Kontinuität der Betreuung

» Eine entsprechende Betreuung sollte primär vor Ort in räumlicher Nähe zur  
   Schule bzw. an der Schule durchgeführt werden.

» Für spezielle Fragestellungen und Untersuchungsanlässe ist eine zentrale    
   Betreuungseinrichtung außerhalb der Schule erforderlich.

» Neben persönlichen Konsultationen können auch telefonische Kontakte oder 
   internetbasierte Angebote für eine arbeitsmedizinische Betreuung hilfreich 
   sein.

» Die berufliche Wiedereingliederung von Lehrkräften ist unter Einbeziehung
   der Arbeitsmedizin dringend zu optimieren.

» Das Angebot einer arbeitsmedizinischen Sprechstunde muss allen     
   Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften bekannt gemacht werden.

» Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Förderschulen benötigen aufgrund  
   der besonders belastenden und beanspruchenden Arbeitsbedingungen eine
   schulspezifische arbeitsmedizinische Betreuung.

Zusammenfassend zeigen die durchgeführten Erhebungen einen deutlichen sowohl allgemeinen als auch individualmedizinischen Beratungs- und Betreuungsbedarf im Bereich der Gesundheit von Lehrkräften. Aus arbeitsmedizinischer Sicht muss der Adressat eines entsprechenden Angebotes neben den Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften auch die Schulleitungen sowie das Bildungsministerium und die Schulaufsichtsbehörde sein.

In Rheinland-Pfalz sind mehrere Institutionen sehr engagiert mit der Thematik Lehrergesundheit beschäftigt, deren Projekte jedoch meist unzureichend aufeinander abgestimmt sind; eine entsprechende Koordinierung ist dringend erforderlich. Zur Gewährung der arbeitsmedizinischen Betreuung von Lehrkräften in Rheinland-Pfalz wurde deshalb im Januar 2011 ein eigenes Institut für Lehrergesundheit gegründet (www.unimedizin-mainz.de/ifl). Um die bereits bestehende Expertise und Synergien zu nutzen, wurde das Institut für Lehrergesundheit an das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Mainz angegliedert.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass nur gesunde Lehrkräfte ihren Beruf adäquat ausüben können. Ein entsprechender Rechtsanspruch auf eine arbeitsmedizinische Betreuung sollte eingehalten werden. Die arbeitsmedizinische Betreuung muss die Bereiche Gesundheitsförderung, Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention umfassen und an das individuelle Risiko angepasst sein. Unter Berücksichtigung der erheblichen Kosten, die erkrankte Lehrkräfte und ggf. Lehrkräfte, die vorzeitig in den Ruhestand versetzt werden müssen, verursachen, muss eine arbeitsmedizinische Betreuung nicht als Kostenfaktor, sondern als Grundlage für ein effektives und leistungsfähiges Schulsystem angesehen werden.

Zur Person
Univ.-Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. Stepan Letzel
Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Johannes Gutenberg Universität Mainz
Kontakt: letzel@no-spam.uni-mainz.de