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Aktuelle Themen, Arbeitsmedizin

11.07.14

Delegation ärztlicher Leistungen

Eines der wesentlichen Merkmale freiberuflicher Tätigkeit ist die persönliche Leistungserbringung. Sie prägt vorrangig das Berufsbild des Arztes und steht dafür, dass der Arzt seine Leistungen auf der Grundlage einer besonderen Vertrauensbeziehung erbringt. Persönliche Leistungserbringung bedeutet nicht, dass der Arzt jede Leistung höchstpersönlich erbringen muss. Sie erfordert vom Arzt aber immer, dass er bei der Inanspruchnahme nichtärztlicher oder ärztlicher Mitarbeiter zur Erbringung eigener beruflicher Leistungen leitend und eigenverantwortlich tätig wird.
Leistungen, die der Arzt wegen ihrer Art oder der mit ihnen verbundenen besonderen Gefährlichkeit für den Patienten oder wegen der Umstände ihrer Erbringung nicht höchstpersönlich erbringen muss, darf er an nichtärztliche Mitarbeiter delegieren. Die Entscheidung ob und an wen der Arzt eine Leistung delegiert, ob er den betreffenden Mitarbeiter ggf. besonders anzuleiten und wie er ihn zu überwachen hat, muss der Arzt von der Qualifikation des jeweiligen Mitarbeiters abhängig machen.
Will der Arzt eine Leistung an einen Mitarbeiter delegieren, der über eine abgeschlossene, ihn dazu befähigende Ausbildung in einem Fachberuf im Gesundheitswesen verfügt, kann er sich regelmäßig darauf beschränken, diese formale Qualifikation des Mitarbeiters festzustellen (Zeugnis), sich zu Beginn der Zusammenarbeit mit dem betreffenden Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass die Leistungen des Mitarbeiters auch tatsächlich eine seiner formalen Qualifikation entsprechende Qualität haben, und die Qualität der erbrachten Leistungen stichprobenartig zu überprüfen. Sofern die Qualität der Leistungen des Mitarbeiters nicht ausreichend ist, muss der Arzt den Mitarbeiter ggf. nachschulen, ihn eingehender überwachen und – wenn er die Anforderungen an eine Delegation nicht erfüllt, hierauf verzichten.

Verfügt der Mitarbeiter, an den der Arzt delegieren will, nicht über eine abgeschlossene Ausbildung in einem Fachberuf im Gesundheitswesen, welche die zu delegierende Leistung einschließt, muss der Arzt zunächst prüfen, ob der Mitarbeiter aufgrund seiner allgemeinen Fähigkeiten für eine Delegation der betreffenden Leistungen geeignet erscheint (Auswahlpflicht). Sodann muss er ihn zur selbständigen Durchführung der zu delegierenden Leistung anlernen (Anleitungspflicht). Auch nachdem er sich davon überzeugt hat, dass der Mitarbeiter die Durchführung der betreffenden Leistung beherrscht, muss der Arzt ihn dabei regelmäßig überwachen, bevor er sich mit der Zeit wie bei einem Fachberufsangehörigen auf Stichproben beschränken kann (Überwachungspflicht).

Möglichkeiten und Grenzen der Delegation ärztlicher Leistungen werden derzeit in zunehmendem Maße auch im Bereich der betriebsärztlichen Leistungen diskutiert. Mit Blick auf die auch zukünftige Sicherung der betriebsärztlichen Versorgung der Beschäftigten in den Betrieben muss vor dem Hintergrund des demographischen Wandels mit großer Sorge festgestellt werden, dass in Anbetracht des Mangels auch an Betriebsärzten von verschiedenen Beteiligten immer wieder gefordert wird, auch nichtärztliche Experten wie Sicherheitsingenieure, Arbeitswissenschaftler, Psychologen, Pädagogen, Ergonomen sowie Assistenzpersonal stärker in die betriebsärztliche Betreuung einzubeziehen, um so die Betriebsärzte zu entlasten und deren Mangel entgegenzuwirken. Diese Vorstellungen laufen nach Auffassung der Arbeitsmedizin-Gremien der Bundesärztekammer darauf hinaus, bislang von Betriebsärzten durchgeführte Aufgaben nicht an andere Berufe unter Wahrung und Beibehaltung der ärztlichen Gesamtverantwortung zu delegieren, sondern diese Leistungen zu substituieren und damit aus dem ärztlichen Verantwortungsbereich zu entlassen.
Derartige Ansätze würden dazu führen, dass die betriebsärztliche Betreuung auf dem Wege der Substituierung durch nichtärztliche Fachkompetenzen sukzessive ersetzt und das heute erreichte, qualitativ hochstehende Niveau der betriebsärztlichen Versorgung gefährdet würde. Eine solche Substitution betriebsärztlicher Tätigkeiten wird von der Bundesärztekammer entschieden abgelehnt.

Angesichts der sich ständig verändernden Arbeitswelt mit immer neuen, differenzierteren Berufsbildern und insoweit neuen Gesundheitsrisiken ist ein Betriebsarzt mit seiner Kompetenz und Expertise in Gesundheitsfragen im Betrieb mehr denn je erforderlich. nicht substitution, sondern verantwortbare Delegation von Leistungen des Betriebsarztes an kompetente andere Fachkräfte muss hier der Lösungsweg sein. Hierauf verstärkt hinzuwirken muss die gemeinsame Aufgabe der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin als wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaft, des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte als ärztlicher Berufsverband sowie der Bundesärztekammer sein.

 


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