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Der Verband

04.10.10

Selbst: Ja! Aber ständig? - Über Ärztegesundheit und Selbstständigkeit

Ärztegesundheit: Das zentrale Thema des VDBW für 2010/2011 hat viele Facetten.

Wir werden in diesem Zusammenhang über gestiegenen Leistungs- und Zeitdruck, hohe Erwartungen und Verantwortung, unzureichende Bewegung und Ernährung, psychosomatische Beschwerden und Krankheiten, Sucht und Suizid hören und lesen.

Aus Sicht der selbstständig tätigen Arbeitsmediziner schaue ich heute auf Arbeitszeit und Lebensrhythmus.

Gewiss: Das Thema ist relevant für viele Kolleginnen und Kollegen in Kliniken und Praxen, unabhängig davon, ob sie angestellt oder freiberuflich arbeiten.

Selbstständig Tätige allerdings limitiert kein Arbeitszeitgesetz und kein Chef. Es liegt an ihnen, wann sie zu arbeiten beginnen und wann sie damit aufhören. Die Versuchung, morgens ein wenig früher anzufangen, um abends noch ein Stündchen dranzuhängen, ist groß. Wenn die vierundzwanzig Stunden eines Tages nicht ausreichen, wird eben die Nacht zum Arbeiten dazugenommen. Und der Sonntag gleich auch noch...Urlaub? Lange her...Weil der Begriff „selbstständig“ eben bedeutet: selbst und ständig zu arbeiten – oder etwa nicht?

Für manche kommt auf diese Weise eine Spirale in Gang, die nicht nur in die körperliche und psychische Auszehrung führt. Depression und Versagensängste, Burnout und Sucht sind die vielfach beschriebenen Phänomene. Damit einher geht nicht nur die zunehmende familiäre Entwurzelung und soziale Isolierung, sondern auch ein Verlust an kulturellen, politischen oder sportlichen Interessen, Neigungen, Kompetenzen und Erfahrungen. Für viele bedeutet das Verarmung und Sinnentleerung.

Dabei wissen wir Arbeitsmediziner doch genau, wie’s geht: Wohlbefinden, Gesundheit und Sinnerfahrung hängen von dem regelmäßigen Erleben und Wechsel der komplexen Vielfalt menschlicher Daseinsformen ab: Anspannung und Entspannung, Hungern und Sättigung, Sprechen und Zuhören, Freuen und Trauern, Zweifeln und Verstehen, Beginnen und Beenden.

Nicht wenigen von uns ist dieser Rhythmus des Lebens abhanden gekommen. Gerne schuldigen wir hierfür die Lebens- und Arbeitsumstände an: Die Versuchung, überall dabei sein zu müssen und nichts verpassen zu dürfen, die Fülle der Arbeit, die doch zu erledigen sei, dieses oder jenes Projekt, das unbedingt fertig werden müsse.

Wirklich? Sind es die äußeren Zwänge, die uns unter Druck setzen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir selbst unsere größten Antreiber sind. Und dass weniger mehr ist!

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, empfiehlt sich die bewusste und ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Situation:
Wie sieht mein Alltag aus? Bestimme ich selbst oder habe ich das Gefühl, dass andere meinen Rhythmus diktieren? Wie viele Stunden am Tag verbringe ich mit beruflichen Themen? Welche Zeit steht für Menschen zur Verfügung, die damit gar nichts zu tun haben: Partner bzw. Partnerin, Kinder, Freunde, Bekannte? In welchen Netzwerken außerhalb der beruflichen bewege ich mich? Welche kulturellen, politischen, sportlichen, philosophischen oder religiösen Themen und Aktivitäten beschäftigen mich? Wann habe ich zum letzten Mal ein Buch ganz zu Ende gelesen, ein Fußballspiel oder ein Konzert besucht?

Wie viele Stunden schlafe ich? Wann und wie lange habe ich zuletzt Urlaub gemacht? Und: Wie gestalte ich die Wochenenden?

Alles in allem: Welche Ziele verfolge ich – und wie möchte ich sie erreichen, auf welchem Weg?

Ohne systematische Planung, kontinuierliche Steuerung und stetige Auswertung besteht die Gefahr, Ziele und Weg zu verfehlen. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Kenngrößen, sondern auch um Zeiten – Arbeits- und Lebenszeit.

Der Tag und der Abend will geplant sein – und das Wochenende. Für den Sonntag hilft eine einfache Regel: Wenn nicht ein Notdienst zu leisten ist, ist er frei. Arbeitsfrei.

Er dient der Erholung, der Entspannung, dem Zusammensein mit Familie und Freunden.

Der Sonntag führt uns aber auch vor Augen: Wir definieren uns nicht allein über unsere Arbeit, auch als Ärzte nicht. Der Rhythmus von Arbeit und Feier, tätig sein und frei haben ist grundlegend für die menschliche Existenz. Denn die Unterbrechung des Alltags befreit uns aus der Fixierung auf Taten und Leistungen, seien sie auch noch so wertvoll.

Dabei wohnt der Arbeitsruhe des Sonntags nicht allein der je individuelle Wert für jeden einzelnen Menschen inne, der an diesem Tag nicht tätig zu sein braucht.

Vielmehr sind gerade für eine von zunehmender Pluralisierung und Individualisierung gekennzeichnete Gesellschaft "kollektive Auszeiten" von besonderer Bedeutung. Der Sonntag als verlässlicher Ort in der Woche, an dem Menschen aus ansonsten unterschiedlichen Lebenszusammenhängen Zeit miteinander verbringen können, ist eine wesentliche Bedingung für die Lebendigkeit sozialen Zusammenhalts in der Gesellschaft. Da erfahren wir Gemeinschaft in der Familie, feiern Geburtstage, Konfirmation oder Jubiläen, bejubeln mit Freunden den Heimsieg der Handballmannschaft oder wandern gemeinsam in der Natur.

Dies gelingt aber nur, wenn wir alle, soweit nicht durch notwendige Dienste daran gehindert, den Sonntag arbeitsfrei halten. Der Sonntag als Ruhetag umfasst einen ganzen Tag und nicht bloß eine eingeschobene, kurze Pause. Der Sonntag prägt den Zeitrhythmus, in dem Menschen und die Gesellschaft leben. Der Sonntag ist ein unentbehrliches Element unserer Sozialkultur.

Ärztegesundheit hat viele Facetten. Wenn Ärzte gesund bleiben, hat das verschiedene Gründe. Gewissenhaft und verantwortlich zu arbeiten gehört dazu. Selbstständig tätig zu sein durchaus auch.

Ständig beruflich zu denken und zu handeln aber macht auf Dauer krank. Nicht nur den Arzt selbst, sondern auch seine Beziehungen. Am Ende leiden viele Menschen - und nicht zuletzt die Wertebasis unserer Gesellschaft.