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Arbeitsmedizin

15.09.11

Interview „Klare Sicht bei der Fahrerlaubnisverordnung?“

Stichwort: Rotblinde Bus-, U-Bahn- und Straßenbahnfahrer. Sie sollen in Zukunft unter bestimmten Umständen für die Personenbeförderung zugelassen werden können. Hat der Verordnungsgeber die Risiken ausreichend im Blick?

Kraffel: Die Bedingungen für U- und Straßenbahnfahrer sind nicht geändert. Busfahrer dürfen zukünftig rotblind sein. Das erhöht die Gefahr insbesondere von Auffahrunfällen, da Rotgestörte die Bremsleuchten dunkler sehen. Unbeschränkte Bahnübergänge sind ein zusätzliches Risiko, das aber in Berlin so nicht besteht.

Huetten:
Für uns Betriebsärzte ist gravierend, dass jetzt Menschen, die protanop, also rotblind, sind, ohne Einschränkungen in der Personenbeförderung eingesetzt werden können. Wir sehen hier ein Problem – insbesondere in den Unternehmen, die auch Fahrer mit Doppelqualifikation haben, die also etwa als U-Bahn- und / oder Busfahrer eingesetzt sind. Denn die BOStrab (Verordnung über den Bau und Betrieb der Straßenbahnen) wird dahingehend nicht geändert. Im U-Bahnbereich sind wir wegen der eingeschränkten Lichtverhältnisse und der Signalgebung auf ein einwandfreies Farbensehen angewiesen. Die jetzt verpflichtende Untersuchung des Dämmerungssehens stellt natürlich einen Mehraufwand dar, einmal in Bezug auf die Prüfverfahren – es müssen Geräte angeschafft werden –, zum anderen in Bezug auf die Zeit, die für die Untersuchung des Sehvermögens aufgewendet werden muss. Allerdings haben viele Kollegen die über 50-jährigen Busfahrer auch bisher im Dämmerungssehen überprüft. Im G 25, war diese Untersuchung bei Einschränkungen, z.B. bei erhöhter Blendungsempfindlichkeit, auch bisher gefordert. Allerdings wird das dann z.B. oft ein Grund gewesen sein, den Mitarbeiter zum Augenarzt zu schicken. Jetzt, wo diese Untersuchung regelmäßig durchzuführen ist, wird sich der eine oder andere Betriebsarzt überlegen, seine Praxis entsprechend auszustatten, um den Weg zum Augenarzt zu umgehen.

Halten Sie die Aufteilung bzw. Arbeitsteilung zwischen den Betriebsärzten und den Augenärzten – so wie sie die FeV in der neuesten Fassung vorgibt – für sinnvoll? Oder wäre es besser, Betriebsärzten noch mehr Teilfunktionsprüfungen zu erlauben?
Huetten: Wir reden über ein Screeningverfahren. Unstrittig ist, dass Betriebsärzte alle geforderten Funktionsprüfungen in hoher Qualität durchführen können. Ebenso unstrittig ist, dass Auffälligkeiten bei den Augenärzten abgeklärt werden müssen. Wir wünschen uns allerdings, dass bei Einzelabklärungen, z.B. einem auffälligen Gesichtsfeldbefund, nicht immer gleich ein gesamtes Gutachten angefertigt wird. Insbesondere, wenn alle anderen Prüfungen in Ordnung waren und auch dem Probanden mitgegeben werden, sondern dann eben nur eine Einzelprüfung als Ergänzung durchgeführt wird.
Das würde Zeit und Geld sparen, denn in vielen Unternehmen müssen die Mitarbeiter diese zusätzlichen Untersuchungen aus eigener Tasche bezahlen und: Es ist ja nicht wirklich notwendig, doppelt zu untersuchen.

Kraffel: Die Betriebsärzte können und sollen sämtliche Teilfunktionen prüfen. Das ist auch gut so, denn das hat zur Folge, dass bei allen Probanden die komplette Sehfunktion überprüft wird. Lediglich bei Auffälligkeiten hat die weitere Abklärung beim Augenarzt zu erfolgen.

Um die Anzahl der Verkehrsunfälle zu vermindern, wurde der Untersuchungsumfang auf Kontrastsehen bzw. Dämmerungssehen erweitert. Trägt dies wirklich dazu bei, in Zukunft Unfälle zu vermeiden? Welche Daten gibt es, die für die Validität einer solchen erweiterten Prüfung sprechen?
Kraffel: Das ist schon sehr lange umstritten. Einerseits gehört das Dämmerungssehen zu den wichtigsten Funktionen – gerade in unseren Breiten. Andererseits kennen wir – noch – nicht die Grenze, ab der wirklich eine höhere Gefährdung eintritt. Dementsprechend unklar ist die Vorgabe in der FeV, was ich als unbefriedigend empfinde.

Huetten: Meines Wissens gibt es eine große Untersuchung von Prof. Lachenmeyer zu diesem Thema. Es fehlen also Daten. Wir haben aber zunehmend den Bedarf, dass Kolleginnen und Kollegen, um den Ansprüchen unserer Kunden zu entsprechen, vermehrt auch abends und nachts ihren Dienst verrichten müssen. Und wir haben ein höheres Renteneintrittsalter, also die Kollegen länger im Fahrdienst. Wir wissen, dass das Dämmerungssehen mit zunehmendem Alter abnimmt und die Blendungsempfindlichkeit zunimmt. Aus unserer betrieblichen Erfahrung ist allerdings die Grenzwertdiskussion noch nicht am Ende. Wir beurteilen die Grenzsetzung für die Busfahrer mit 1: 2,7 beim mesoptischen Test aktuell als zu streng.

Augenärzte haben schon länger eine umfassendere Prüfung gefordert. Inwiefern ist der Gesetzgeber durch die neue Verordnung ihren Forderungen nachgekommen? Sind Sie damit zufrieden, Herr Dr. Kraffel, oder vermissen Sie etwas?
Kraffel: Wegen der Wichtigkeit ist die Überprüfung des Dämmerungssehens zu begrüßen. Die Änderungen beim Farbsehen halten wir für gefährlich.

Die Vorschrift zur Prüfung von Dämmerungs- bzw. Kontrastsehen gilt ab jetzt für alle Altersklassen. Hätte es nicht ausgereicht, diese für die Altersklasse ab 50 verbindlich einzuführen? Ist es sinnvoll, diesen Test auch für Jüngere vorzuschreiben?
Huetten: Eine Überprüfung ab dem 50. Lebensjahr würde den Anforderungen an Sicherheit im Straßenverkehr aus betriebsärztlicher Sicht genügen.

Laut Verordnung soll der Betriebsarzt Kontrast- oder Dämmerungssehen mit den Geräten Mesotest, Nyktometer, aber auch Rodatest 302 und Optovist durchführen. Viele Kollegen haben solche Möglichkeiten zur Messung bislang nicht in ihrem Repertoire. Bei Neuanschaffungen sind Investitionen von 2.000 bis 6.000 Euro notwendig. Das ist gerade für selbstständige Betriebsärzte, für die diese Untersuchungen nur ein Randgebiet darstellen, ein nicht zu unterschätzender finanzieller Aspekt. Wie bewerten Sie das? Wie lauten Ihre
konkreten Empfehlungen zur Umsetzung der Neuerungen im Praxisalltag?
Huetten: Die FeV ist ein Gesetz. Wer die Beurteilung fachlich qualifiziert durchführen möchte, kommt um eine entsprechende Ausstattung in seiner Praxis nicht herum. Aktuell gibt es aber durchaus Empfehlungen, dass auch Sehtesttafeln Pelli-Robson und MARS eingesetzt werden können, unter
entsprechenden Rahmenbedingungen, wie z.B. einer ausreichenden Beleuchtung. Diese Tafeln sind in der Anschaffung deutlich günstiger, liegen so um 400 Euro.

Kraffel: Man wird um die Beschaffung entsprechender Geräte nicht herumkommen.

Kurz und knapp: Werden sich diese erweiterten Vorgaben auf die Preisgestaltung im Bereich der Fahrerlaubnisverordnung auswirken?
Huetten: Ja.

Kraffel: Ja.

Wie viele Menschen werden in Zukunft zusätzlich – nachdem sie vorher die Screening-Untersuchung beim Betriebsarzt absolviert haben – anschließend zum Augenarzt gehen müssen? Wie hoch wird für diese Betroffenen der finanzielle Zusatzaufwand sein?
Kraffel: Das wird sich schwer abschätzen lassen. Vielleicht 10 Prozent der LKW-Bewerber. Was wir derzeit nicht abschätzen können, ist, wie hoch der Anteil dann endgültig abzulehnender Probanden ist.

Huetten: Der Anteil an Untersuchungen, bei denen eine Augenarzt-Überprüfung notwendig ist, hält sich „zum Glück“ in Grenzen. Der Anteil an dabei festgestellten Fahrdienstuntauglichkeiten liegt nach meiner Einschätzung unter 1 Prozent. Sollte die Protanopie tatsächlich im Gesetz als zulässige Einschränkung bestehen bleiben, fallen diese Abklärungen beim Augenarzt weg, weil sie keine Auswirkungen auf die Tauglichkeit mehr haben. Denkbar ist eine Zunahme der Überprüfungen beim Dämmerungs- und Blendungssehen, weil unsere Belegschaft einfach länger im Arbeitsleben verbleibt. Aufwenden müssen die Kollegen Zeit – ein wertvolles Gut – und eben Kosten für die Untersuchung beim Augenarzt.

Aus Sicht der Betriebsärzte erscheinen einige Grenzwerte für die neuen Parameter zu streng. Wie schätzen Sie, Frau Dr. Huetten, die Situation ein? Wie viele werden Sie in Zukunft zusätzlich zum Augenarzt schicken müssen?
Huetten: Unsere Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass die Grenzwerte für das Dämmerungssehen, wie oben erwähnt, für Busfahrer zu streng sind. Wir hoffen, dass aktuelle Studien da künftig über angepasste Grenzwerte Entlastung schaffen. Da wir bisher nur bei gezieltem Verdacht und ab 50. Lebensjahr untersucht haben, kann ich fairerweise keine Zahlen nennen. Vielleicht sollten wir in einem Jahr eine Bilanz dazu ziehen.

In Summe bringt die Novellierung deutlich mehr Untersuchungsaufwand und in jedem Fall auch höhere Kosten mit sich. Zu wessen Lasten werden die höheren Kosten gehen? Und ist die neue Vorschrift damit auch wirklich besser geworden?

Huetten: Wir sind uns darüber einig, dass die Veränderungen der Sicherheit dienen sollen. Frage ist, ob das immer wirklich so ist, siehe Protanopie. Sicherheit kostet immer Geld. Die Kosten tragen insbesondere Arbeitnehmer und auch Arbeitgeber. Für mich spielt es dabei allerdings schon eine Rolle,
welches Maß angelegt wird, und da sind wir wieder bei den Grenzwerten und noch einmal: Wir reden über eine Screening-Untersuchung und: Die Untauglichkeit durch Einschränkungen bei den Sehfunktionen ist extrem gering.

Kraffel: Letztlich sind die Betroffenen bzw. deren Arbeitgeber die Leidtragenden. Es ist die alte Frage: Was ist zusätzliche Sicherheit wert? So kann man dann jede betriebs- oder verkehrsmedizinische Untersuchung wegen des Aufwandes ablehnen.

Ein Ausblick: Denken Sie, dass eine weitere Überarbeitung der FeV in naher Zukunft notwendig werden wird? Wie sieht aus Ihrer Sicht die ideale Verordnung aus? Huetten: Sicher wird es eine weitere Reform geben. Wir wünschen uns eine stärkere Einbindung der Betriebsärzte aus der Praxis, damit Maß gehalten werden kann.

Kraffel: Seit 1999 hatten wir acht Reformen der FeV. Da kommt die nächste bestimmt.

Wir danken für das Gespräch.



Hintergrund
Kraftfahrer von Bussen, LKWs, Taxen und Personenkraftwagen im Linienverkehr sind verpflichtet, alle fünf Jahre ihre körperliche Eignung überprüfen zu lassen. Zum 1. Juli 2011 sind einige Änderungen in Kraft getreten, unter anderem die, dass zukünftig auch das Kontrast- oder Dämmerungssehen – also die Unterscheidungsfähigkeit von Grautönen und die Sehfähigkeit im Dunkeln –
getestet werden muss. Außerdem wird es zukünftig möglich sein, auch bei einer Rotblindheit oder Rotschwäche Fahrerlaubnisse zur Fahrgastbeförderung zu bekommen.

Im Zusammenhang mit der „Fahrerlaubnisverordnung“ ist eine nicht unerhebliche Zahl von Betriebsärzten engagiert. Schließlich gehören verkehrsmedizinische Fragestellungen zum arbeitsmedizinischen Fachgebiet.

Die Fahrerlaubnisverordnung ist gekennzeichnet durch eine sogenannte „Schnittstellenproblematik“ mit den augenärztlichen Kollegen. Diese tritt immer dann auf den Plan, wenn Auffälligkeiten bei der Untersuchung auftreten, die in ihr Fachgebiet fallen, naturgemäß von ihnen weiter abgeklärt werden und letztlich zu einer Expertise führen, ob bzw. unter welchen Auflagen oder Einschränkungen die eingeschränkte Person fahrtauglich ist. Dabei wäre die Vielzahl der „Screening-Untersuchungen“ in diesem Gebiet ohne die Mithilfe der Betriebsärzte gar nicht zu bewältigen. Dies sieht auch der Gesetzgeber so und hat deswegen ausdrücklich Betriebsärzte dazu ermächtigt, solche Untersuchungen durchzuführen. Einige Änderungen lassen befürchten, dass in Zukunft nicht fünf, sondern vielleicht 15 bis 20 Prozent in der Art auffällig sind, dass sie weiter vom Augenarzt abgeklärt werden müssen.

Die aktuelle Fahrerlaubnisverordnung ist auf den Internetseiten des Bundesministeriums der Justiz nachzulesen:
www.gesetze-im-internet.de/fev_2010


zu den Personen
Dr. Manuela Huetten
» Leitende Betriebsärztin der Berliner Verkehrsbetriebe
Kontakt: manuela.huetten@no-spam.bvg.de

Dr. Uwe Kraffel
» Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der
Kassenärztlichen Vereinigung Berlin
Kontakt: uwe@no-spam.kraffel.de