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Arbeitsmedizin

04.10.10

Interviewfragen an Univ.-Prof. Dr. med. Andreas Seidler

Universitäts-Professor Dr. med. Andreas Seidler, M.P.H. wurde zum 15. März 2010 auf den Lehrstuhl für Arbeits-, Sozialmedizin und Public Health der Medizinischen Fakultät der TU Dresden berufen. Als Nachfolger von Herrn Univ.-Professor Dr. med. Klaus Scheuch wurde Herr Prof. Seidler die Leitung des Instituts und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin (IPAS) übertragen. Zuvor war Prof. Seidler bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin als Wissenschaftlicher Leiter des Fachbereichs „Arbeit und Gesundheit“ tätig.

1.    Prof. Dr. Andreas Seidler, Sie leiten seit März dieses Jahres das IPAS der TU Dresden. Welche Ziele haben Sie als neuer Institutsdirektor? Worin sehen Sie Ihre größte Herausforderung?
Eine wesentliche Profillinie der Medizinischen Fakultät Dresden liegt in der „Versorgungsforschung“. Versorgung darf sich dabei nicht nur auf die Behandlung von Krankheiten beziehen. Gerade angesichts der zunehmenden Bedeutung chronischer, multifaktoriell verursachter Erkrankungen ist eine frühzeitig beginnende, niedrigschwellige und wirksame Prävention wichtig. Die Arbeitsmedizin hat hier zweierlei zu bieten: Zum einen konkrete Konzepte für die Gesundheitsförderung und die Krankheitsprävention. Und zum anderen über die betriebsärztliche Versorgung den niedrigschwelligen Zugang zu breiten Bevölkerungsschichten – nicht zuletzt auch solcher Bevölkerungsschichten, die von kurativmedizinischen Versorgungsangeboten erst sehr spät erreicht werden. Mein Ziel ist es, wirksame Präventions- und Interventionsmaßnahmen im beruflichen Setting zu entwickeln. Dabei sehe ich die Herausforderung der universitären Arbeits- und Sozialmedizin darin, Maßnahmen zu entwickeln, die hohen methodischen Ansprüchen genügen: Maßnahmen müssen ihre Wirksamkeit unter Studienbedingungen wie auch in der betrieblichen Praxis erwiesen haben. Ich möchte Arbeitsmedizin und evidenzbasierte Medizin näher zusammenbringen – nicht zuletzt auch im Dienste einer wirksamen betrieblichen Gesundheitsförderung. Die Verknüpfung von Arbeitsmedizin und Public Health in einem universitären Institut stellt hier eine in der Bundesrepublik Deutschland einmalige Konstellation mit der Aussicht auf hohen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dar – mit einem zu erwartenden Nutzen für die Praxis.

2.    Ihr Vorgänger Prof. Klaus Scheuch hat sich in hohem Maße für die Arbeitsmedizin engagiert. Der betriebliche Setting-Ansatz zur Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz hat im IPAS mit umfangreichen Arbeiten unter besonderer Berücksichtigung psychosozialer Fragestellungen eine lange Tradition. Was werden Sie fortführen? Wo möchten Sie neue Impulse setzen?
Auf die hervorragenden Arbeiten von Herrn Professor Scheuch möchte ich aufbauen und die Aktivitäten des IPAS im Bereich der klinischen Arbeitsmedizin, der Psychophysiologie und der Analyse berufsbezogener psychischer Belastungen weiterführen. Ich möchte ein inhaltlich breit aufge­stelltes Institut entwickeln, das thematisch insbesondere die Prävention von Muskel-Skelett-Erkrankungen, von Krebserkrankungen, von neuropsychiatrischen Erkrankungen und von Herz-Kreislauf-Erkrankungen umfassen soll. Methodisch möchte ich eine starke Expertise des Instituts in den Bereichen Epidemiologie in der Arbeitswelt, evidenzbasierte Medizin und Versorgungsforschung erreichen.

3.    Die Tätigkeitsschwerpunkte Ihres Instituts liegen also u.a. in der Forschung für eine bessere Prävention. Wo gibt es ganz konkreten Handlungsbedarf?
Ein wichtiges Thema ist die stärkere Verzahnung von kurativer – z.B. allgemeinmedizinischer – und präventiver betriebsärztlicher Versorgung. Um hier wirksame Konzepte entwickeln zu können, müssen wir mehr über die Präventionsbedarfe von Beschäftigten, über Anreizsysteme für neue Versorgungsmodelle und über die tatsächliche Wirksamkeit präventiver Maßnahmen wissen. Die hohe Bedeutung präventiven Wissens und Handelns möchte ich den Medizinstudierenden und auch den Public Health-Studierenden nahebringen. Ich darf an dieser Stelle darauf hinweisen: Das IPAS nimmt eine bedeutsame Rolle in der Gestaltung und Umsetzung des Studiengangs „Gesundheitswissenschaften/Public Health“ ein. In diesem Studiengang werden Kompetenzen u.a. im Gesundheitsmanagement, in der Epidemiologie und Versorgungsforschung und in der Gesundheitsökonomie erworben, von denen auch Betriebsärztinnen und Betriebsärzten in ihrer beruflichen Karriere profitieren können. So möchte ich an dieser Stelle auch und gerade in der Betriebsmedizin für die Beteiligung am Dresdener Public Health-Studiengang werben – sei es als Studierender oder als Dozierender.

4.    Wie können Sie mit Lehre und Forschung dazu beitragen, dass klassische Präventionsthemen am Arbeitsplatz ankommen?
Die Verhinderung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist so ein klassisches Präventionsthema. Als wichtigste Risikofaktoren nennt die American Heart Association Tabakkonsum, hohe Cholesterinwerte, Bluthochdruck, körperliche Inaktivität, Übergewicht und Diabetes mellitus. Stress oder gar Berufsstress werden unter den wichtigsten Risikofaktoren nicht genannt. Zu Unrecht, wie ich meine: Nach Bankenkrisen wurde eine um etwa 6% erhöhte kardiovaskuläre Mortalität beschrieben. Aus vielen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass psychosoziale berufliche Einflüsse mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergehen. Eigenen Modellrechnungen zufolge besteht für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – knapp vor den Krebserkrankungen –  das theoretisch höchste berufsbezogene Präventionspotenzial bezüglich zu gewinnender Lebensjahre. Doch lässt sich dieses theoretisch hohe Präventionspotenzial bezüglich „arbeitsbedingter“ Herz-Kreislauf-Erkrankungen praktisch realisieren? Hierzu ist zum einen eine vertiefte Kenntnis spezifischer Hochrisikoberufe, Hochrisikotätigkeiten und spezifischer Risikofaktoren erforderlich. Diese Kenntnis können z.B. betriebliche Beobachtungsstudien zu berufsbezogenen gesundheitsschädigenden und salutogenen Einflussfaktoren erbringen. Inwieweit konkrete Veränderungen der Arbeitsbedingungen tatsächlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern können (und in welchem Umfang), lässt sich am besten durch randomisierte kontrollierte Interventionsstudien untersuchen. Hier hat die arbeitsmedizinische Versorgungsforschung noch Nachholbedarf gegenüber der klinischen Forschung. Und auch hier gilt wieder: Neben verhältnispräventiven Präventionsansätzen sollte auch der Verhaltensprävention im betrieblichen Setting erhöhte Bedeutung zugemessen werden. Den Medizinstudierenden möchte ich vermitteln: Prävention am Arbeitsplatz ist ein wichtiges und für die Gesundheit ihrer Patienten in hohem Maße relevantes Thema.

5.    Viele Medizinstudenten – das wissen wir durch unsere Verbandsaktion „docs@work“ – beklagen das trockene Image der Arbeitsmedizin, das ihnen während des Medizinstudiums vermittelt wird. Was können Sie daran ändern, und warum würden Sie jungen Medizinern empfehlen, Arbeitsmediziner zu werden?
Das IPAS organisiert in Dresden das Berufsfelderkundungspraktikum. Hier lernen die Medizinstudierenden im ersten Semester ärztliche Berufsfelder kennen. Wir versuchen nach Kräften, die Vielfältigkeit der ärztlichen Berufsfelder im kurativen und präventiven Bereich zu verdeutlichen. Und wir möchten natürlich schon im ersten Semester Interesse gerade an der Arbeitsmedizin wecken. Später im Studium versuchen wir in enger Zusammenarbeit mit den klinischen Fächern, die Medizinstudierenden bei kurativmedizinischen Fragestellungen abzuholen und ihnen die Bedeutsamkeit arbeitsmedizinischen ärztlichen Handelns an konkreten Fallbeispielen zu vermitteln. Argumente für eine arbeitsmedizinische Karriere junger Ärztinnen und Ärzte sind: hervorragende Berufsaussichten angesichts des demographischen Wandels unter den Beschäftigten, aber auch unter den Arbeitsmedizinern; eine abwechslungsreiche Tätigkeit in Zusammenarbeit mit vielen anderen Berufsgruppen; nicht zuletzt: die sinnstiftende Mitwirkung beim Erhalt der Gesundheit sowie beim Erhalt der Arbeitsfähigkeit bei chronischen Krankheiten.

6.    Was wünschen Sie sich und den Betriebs- und Werksärzten für die Zukunft?

Ich halte eine starke universitäre Arbeitsmedizin für wichtig – auch im Interesse der Stärkung des betriebsärztlichen Nachwuchses. Es ist also – so glaube ich – nicht zuletzt auch im Interesse der Betriebs- und Werksärzte, wenn ich zumindest für den Erhalt der bestehenden arbeitsmedizinischen Lehrstühle eintrete. Weiter wünsche ich mir ein Interesse potenzieller Forschungsförderer nicht nur für zweifellos bedeutsame, aber erst in Jahrzehnten wissenschaftlich ertragreiche Renommierprojekte wie die nationale Kohortenstudie, sondern insbesondere auch für Projekte zur Entwicklung unmittelbar wirksamer Präventionsansätze und zur Verbesserung der präventiven Versorgung. Hier wünsche ich mir ganz besonders eine gute Zusammenarbeit zwischen VDBW und IPAS auch in der Zukunft!

 
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