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Arbeitsmedizin

08.07.10

Gesundheit von Ärzten – Wenn der Arzt zum Patient wird

 Ein Plädoyer für Gesundheitsschutz in Medizinberufen / VDBW engagiert sich und entwickelt eigenes Fortbildungskonzept

„Wie geht es Ihnen?“ Täglich stellen sie ihren Patienten diese Frage. Nur sich selbst gegenüber lassen Ärzte eine ehrliche Antwort selten zu. Zahlreiche Mediziner leben nach dem Prinzip ausschließlich für die Kranken da zu sein und mit eigenen Problemen allein fertig werden zu müssen. Dass sie selbst zum Patienten werden können, mögen sich viele nicht eingestehen. Sie empfinden es gar als Niederlage oder persönliches Versagen: „Ein Arzt wird nicht krank.“ Dabei sind Ärzte ebenso verwundbar wie andere Menschen auch - ein Doktor-Titel macht schließlich nicht immun gegen Krankheiten von Körper und Seele. Auch ist es weit verbreitet, sich selbst zu therapieren. Und für uns Arbeitsmediziner gilt natürlich besonders, wie halten wir es mit der eigenen Prävention. Wann haben Sie zuletzt einen Check gemacht oder die Krebsvorsorge durchführen lassen?

Hindernis beim Thema eigene Gesundheit ist oft das Selbstverständnis: Ärzte haben einen sehr hohen professionellen Anspruch an sich selbst und stellen ihre persönlichen Interessen zum Wohle des Kranken zurück. Die Patientenrolle einzunehmen fällt vielen Medizinern schwer; die meisten erlauben sich keine Krankschreibung und lassen sich kaum vertrauensvoll von Kolleginnen und Kollegen behandeln. Stattdessen ist es weit verbreitet, dass zahlreiche Ärzte Selbstmedikation betreiben und sich selbst therapieren, um schnell wieder arbeitsfähig zu sein – bestenfalls ohne Fehlzeit.

Betriebsärzte sehen Handlungsbedarf. Wir sollten aber auch bei uns Arbeitsmedizinern selbst ansetzen und uns besonders die Frage nach der eigenen Vorsorge beantworten: Wie halten wir es mit der eigenen Prävention? Wann haben Sie zuletzt einen Gesundheitscheck gemacht oder die Krebsvorsorge durchführen lassen? Ernähren wir uns gesund? Wie halten Sie sich fit – sind Sie sportlich aktiv? Gesundheit von (Betriebs-) Ärzten betrifft letztlich jeden von uns und sollte durch jeden persönlich mitgestaltet werden.

Viele Ärzte am Limit
Leistungsdruck, starre Hierarchien, Schichtdienst, lange Arbeitszeiten und steigender Zeitdruck treiben den Stresspegel in die Höhe und nagen an der gesundheitlichen Konstitution der Ärzte in Deutschland. Viele arbeiten hart am Limit ihrer Kräfte. Die gesundheitliche Situation und die Lebensqualität von Ärztinnen und Ärzten haben sich in den letzten Jahren verschlechtert.

In Praxis und Klinik birgt der Job an sich Risiken, die die Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten gefährden. Allein Infektionskrankheiten sind Gesundheitsgefahr Nummer eins. Auf Platz zwei stehen Hautkrankheiten. Besonders Allergien und Hautbelastungen durch häufiges Händewaschen und Handschuhtragen sind stark verbreitet. Stundenlanges Operieren bei höchster Konzentration führt zu körperlichen Anspannungen. Haltungs- sowie Rückenschäden – und nicht selten Probleme mit der Lendenwirbelsäule oder schwere Bandscheibenvorfälle – sind die Folge.

Gesundheitsgefährdend sind im medizinischen Berufsalltag auch immer häufiger die psychischen Belastungen, bedingt durch hohe Verantwortung, Angst vor Fehlentscheidungen oder Fehlern sowie Stress, der schlimmstenfalls zum Burnout und zu Depression führen kann. Viele Mediziner sind nicht selten mit inneren Konflikten konfrontiert oder leiden unter traumatischen Ereignissen, bedingt etwa durch den  Umgang mit Leid oder Sterben. Körperliche Symptome, die oft eine psychische Ursache haben – wie Kopfschmerzen, Erschöpfung, Selbstzweifel, Verspannungen und Schlafstörungen – gehören bei vielen zum ganz normalen Alltag.

So widersprüchlich das klingen mag: Die meisten Ärzte leisten trotz mitunter schwierigen Rahmenbedingungen sehr gute Arbeit, was in der Öffentlichkeit und von den Patienten auch anerkannt wird. Für viele ist ihr Beruf erfreulicherweise nach wie vor ihre Berufung. Aber es hat verheerende Konsequenzen, die eigene Selbstfürsorge zu vernachlässigen. Das wissen wie Ärzte doch am besten.

Arbeit im Wandel führt zu Unzufriedenheit
In den letzten Jahren vollzog sich ein drastischer Wandel, der von den Ärztinnen und Ärzten selbst wenig beeinflussbaren Arbeitsbedingungen: steigende Patientenzahlen und kürzere Verweildauer, Zeitdruck, Zunahme berufsfremder Tätigkeiten wie hoher Verwaltungsaufwand, starke externe Kontrollen, unzureichende Einbindung in wichtige, organisatorische Entscheidungen, komplizierte Abrechnungssystem, sowie ein oftmals enormer Druck am Arbeitsplatz. Der Gestaltungsspielraum der Ärzte in ihrer Kernkompetenz wird enger, künftig werden sie immer mehr als Gesundheitsökonomen gefordert. Für ihre eigentliche Profession – das Heilen von Menschen – bleibt immer weniger Zeit.

Stichwort freizeit- und familienfeindliche Einsatzzeiten: Schon ein Arzt im Praktikum arbeitet im Durchschnitt 57 Stunden pro Woche. Bisherige Studien konnten bereits belegen, dass all die genannten Faktoren Gründe für ärztliche Unzufriedenheit darstellen. Das frustriert Jobeinsteiger, ebenso wie „alte Hasen“ im Ärztealltag und erhöht den psychosozialen Stress im Beruf.

Job als Krankmacher – Endstation Burnout
Die Folge ist, dass viele Ärztinnen und Ärzte enttäuscht, unzufrieden und zunehmend ausgebrannt sind. Ärzte sind zwar nicht häufiger krank als Menschen aus anderen Berufsgruppen, sie leiden allerdings häufiger an Depressionen und Burnout. Allein diese Gefahr ist zumindest ein Zeichen dafür, dass gegengesteuert werden und ein generelles Umdenken einsetzen muss. Man kann davon ausgehen, dass die Arbeit als Arzt sowohl das Risiko für psychosoziale Arbeitsbelastungen als auch für daraus resultierende gesundheitliche Belastungen erhöht. Depressionen sind dafür verantwortlich, dass Ärzte doppelt und Ärztinnen vierfach häufiger selbstmordgefährdet sind als der Rest der Bevölkerung.

Unser Berufsverband will gesundheitsgerechteren Berufsalltag von Ärzten
Ärztegesundheit rufen wir vom VDBW-Bundesverband als zentrales Thema für 2010/2011 aus. Wir wollen uns künftig eingehend mit der Gesundheit von Medizinern beschäftigen, sie erhalten und fördern und uns dafür einsetzen, Ansprechpartner zum Thema Ärztegesundheit zu sein. Betriebsärzte müssen untereinander und anderen Medizinern Hilfe anbieten und Aufklärungsarbeit leisten. Ärzte brauchen einen gut funktionierenden Gesundheitsschutz. Denn nur wenn sie selbst gesund sind, können sie Patienten qualifiziert behandeln und heilen. Dies sehen wir als eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit an. Wir wollen über unser eigenes Selbstverständnis diskutieren und nach Wegen suchen, die Gesundheit von Medizinern zu erhalten oder zu verbessern. Damit dies gelingt, wollen wir uns stärker als bisher mit anderen Ärzteorganisationen und Akteuren der Gesundheitswirtschaft und -politik austauschen, Lösungsansätze zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für das Personal aufzeigen und Maßnahmen in Angriff nehmen.

Wir stellen das Thema Ärztegesundheit auch in den Mittelpunkt unserer Fortbildungen 2010/2011, entwickeln Konzepte und bieten Seminare für Betriebsärzte an. Mit einer aktuell geplanten Untersuchung zur Ärztegesundheit macht der VDBW den ersten Schritt: Um Ärzten helfen zu können, sollen die häufigsten krankmachenden Einflussfaktoren erhoben und das Ausmaß an psychosozialen Arbeitsbelastungen beschrieben werden. Es ist an der Zeit, dass die Berufsausübung von Ärzten in Deutschland wieder gesundheitsgerechter praktiziert werden kann. Daran will der VDBW entscheidend mitwirken. Anregungen (per Mail an info@vdbw.de) zum Thema sind gern gesehen.