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Arbeitsmedizin

19.04.10

Interviewfragen an Prof. Dr. Thomas Erren - Präventionsforschung in der Arbeitsmedizin

Prof. Dr. Thomas Erren, zu Beginn dieses Jahres sind Sie zum Professor ernannt worden. Der VDBW beglückwünscht Sie zu Ihrem Ruf an den Lehrstuhl Arbeitsmedizin, Umweltmedizin und Präventionsforschung an der Universität zu Köln. Was haben sie sich vorgenommen, welches Zeichen möchten Sie in der Präventionsforschung setzen? 
T. Erren: Grundsätzlich müssen wir Arbeitsmediziner in unserer Schlüsselkompetenz für die Prävention noch sichtbarer werden. Tatsächlich ist „Vorbeugen“ ja nicht nur besser als „Heilen“, sondern oft der einzige Weg, da wir in vielen Fällen gar nicht wissen, wie wir eigentlich heilen könnten. In der Präventionsforschung sollten wir uns das Ziel setzen, überzeugend nachzuweisen, dass es durch eine Belastung A zu einer Krankheit B kommt. Falls es uns dann gelingt, diese Belastung an Arbeitsplätzen oder in Umweltbereichen zu kontrollieren, kann die oft nicht – bzw. viel schwerer und häufig nur mit großem Einsatz von Ressourcen – zu beantwortende Frage, wie A zu B führt, überflüssig werden.

Kurz und kompakt: Was begeistert Sie an Ihren neuen Aufgaben?                  
T. Erren:
Dass in dem Lehrstuhl „Arbeitsmedizin, Umweltmedizin und Präventionsforschung“ und unserem Institut und der Poliklinik all das, was ich seit 15 Jahren in Forschung, Lehre, und Praxis für sehr wichtig halte, zusammengeführt ist. Die Verbindung von gut monitorisierten Belastungsbedingungen an Arbeitsplätzen auf der einen und die durch Arbeits- und Betriebsmediziner sorgfältig erfassten Gesundheitsstörungen auf der anderen Seite bieten hervorragende Voraussetzungen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu erforschen und die gewonnenen Erkenntnisse – im Sinne der Prävention – in der Arbeitswelt und auch in Umweltbereichen umzusetzen.

Auch Sie haben sich – wie Ihre Kollegin Prof. Dr. Rieger – auf das Thema Schichtarbeit spezialisiert. Sie sind der Frage nachgegangen, ob Schichtdienst Krebs verursacht und untersuchen Licht als wichtigsten Zeitgeber. Welche Forschungen schließen sich dem an? Verraten Sie uns eine These, der Sie künftig nachgehen möchten?                                                                                         
T. Erren:
Die Beantwortung der Frage, ob bestimmte Formen der Schichtarbeit durch eine Chronodisruption, also einer gravierenden Störung von chronobiologisch optimierten Tag-Nacht-Rhythmen, zu Krebsentwicklungen beitragen, wird international und national Studien mit größter Sorgfalt erfordern. Sollte eine Kausalkette zwischen Schichtarbeit und Krebs geschlossen werden, so wird es im Sinne der Präventionsforschung entscheidend sein, empfindliche Personen zu identifizieren, angemessen zu beraten und zu schützen. Eine zentrale These in der Schichtarbeitsforschung ist, dass wir bei der Suche nach Störfaktoren der für die Erhaltung und Förderung von Gesundheit zentralen chronobiologischen Organisation des Körpers Wechselwirkungen von Licht mit weiteren Zeitgebern wie sozialen Kontakten, körperlicher Aktivität und auch Nahrung sowie den Einfluss des Chronotyps und des Schlafverhaltens gezielt untersuchen müssen.

Bitte nennen Sie uns ein weiteres Forschungsvorhaben, das Sie besonders interessiert.                                                                                                         
T. Erren:
 In vergleichsweise neuen Projekten befassen wir uns mit den möglichen Gesundheitsgefährdungen des Menschen durch „Plastikbestandteile“, an Arbeitsplätzen und vor allem auch in Umweltbereichen. Hintergrund ist dort, dass Kunststoffanteile von gigantischen Müllstrudeln in den Ozeanen zunächst in marine und anschließend in menschliche Nahrungskreisläufe gelangen und sich dort anreichern können. Da eine Reihe von Plastikzusätzen im Verdacht steht, als so genannte Endokrine Disruptoren – möglicherweise auch über epigenetische Effekte – zum Beispiel Einfluss auf Fortpflanzung, Wachstum, die Entwicklung von Übergewicht und auch Krebs zu nehmen, könnten Jahrhunderte haltbare Kunststoffe, die in der Umwelt zerkleinert werden aber nicht organisch zerfallen, ein zentrales Zukunftsthema für die öffentliche Gesundheit werden.

Stichwort Nachwuchs: Wie interessieren Sie Medizinstudenten für die Arbeitsmedizin?                                                                                             
T. Erren:
Indem wir ihnen zeigen, welchen hohen Stellenwert die Arbeitsmedizin zum Beispiel bei der Erforschung von Risikofaktoren für Krebserkrankungen in der Vergangenheit hatte und auch zukünftig, nach meiner Meinung, haben kann und wird. Seit einer Meilensteinstudie in Skandinavien aus dem Jahr 2000 gilt es als belegt, dass 7 bis 9 von 10 Krebsfällen nicht etwa durch ererbte genetische Faktoren sondern vor allem durch Belastungen in der Arbeits- und Umwelt verursacht werden. Dies ist ein wichtiges und hochaktuelles Feld für die Arbeitsmedizin und Präventionsforschung, das Studierende überzeugt. Darüber hinaus lassen sich die Medizinstudenten dadurch erreichen und interessieren, dass wir Ihnen die  vielfältige Rolle der Arbeitsmedizin im Netzwerk mit anderen medizinischen Disziplinen anschaulich vermitteln.

Ihr Institut engagiert sich für zahlreiche internationale und nationale Forschungsprojekte. Welches Thema zählt zu den für Sie spannendsten? Und aus welchen Gründen?                                                                                            
T. Erren:
Weltweit spielen Themenfelder im Bereich der Schichtarbeit eine zunehmende Rolle. Die Tatsachen, dass wir hierbei biologisch plausible Zusammenhänge zwischen weit verbreiteten Belastungen und weit verbreiteten Erkrankungen erforschen, sind sicher entscheidend für mein Interesse, das sich seit einem Forschungsaufenthalt in Berkeley in den 90-er Jahren entwickelt hat. Darüber hinaus sind die Erkenntnisse, die experimentelle Wissenschaftler zu dem vielfältigen Zusammenspiel von Licht, unseren inneren Uhren und der Gesundheit und Krankheit beim Menschen zusammen tragen, von großer Überzeugungskraft und vermitteln eine eindrucksvolle Ästhetik biologischer Organisation.

Arbeitsmedizin – ein Berufsbild im Wandel. Was sind aus Ihrer Sicht zunehmend die Aufgaben des Betriebs- und Werksarztes? Welche Betätigungsbereiche müssen sich künftig ändern? Wo lässt sich ganz konkret ansetzen?                             
T. Erren:
Wie bereits herausgestellt, müssen Betriebs- und Werksärzte in ihrer Schlüsselrolle für die Prävention noch sichtbarer werden. Aus meiner Sicht als Arzt und Epidemiologe sollte es zunehmend unser Anspruch sein, dass wir nicht nur das erforschen, was krank macht, sondern vor allem auch das untersuchen und fördern, was die Versicherten gesund erhält. Betriebs- und Werksärzte sind ja schon heute nicht nur Experten für Krankheiten sondern auch für die Förderung von Gesundheit. Diese Kernkompetenzen sollten wir Ärzte bei der aktiven Gesundheitsvorsorge in den Betrieben künftig noch stärker einbringen und demonstrieren.  

Wie gelingt es Ihnen persönlich, von der Arbeit abzuschalten? Und was raten Sie Patienten diesbezüglich allgemein?                                                                     
T. Erren:
Wenn der Kopf zu einem virtuellen Arbeitsplatz wird, in dem wir uns rund um die Uhr und überall mit Arbeitsfragen beschäftigen können, ist das „Abschalten“ nicht immer leicht. Gemeinsam mit meiner Familie schaffe ich mir daher klare Freiräume ohne Arbeit. Wie Sie sehen, ist die so wichtige Work-Life-Balance für mich – genauso wie für viele Patienten – ein Ziel, das ohne aktives Zutun kaum erreicht werden wird.

Abschließend Ihre Zukunftsvision für die Arbeitsmedizin in Deutschland: Bitte vervollständigen Sie den Satz: Ich bin der festen Überzeugung, …                       
T. Erren:
dass wir uns Neuem wie Fragen zu Schichtarbeit, „Employability of the Ageing“, Nanomaterialien und Anderem stellen müssen ohne Bewährtes aufzugeben. Wir können selbstbewusst auf Vieles schauen, was die Arbeitsmedizin in Deutschland errungen hat. In der betrieblichen Praxis bieten sich sehr gute Möglichkeiten, viele Menschen an ihren Arbeitsplätzen im Sinne der Prävention zu erreichen. In der arbeitsmedizinischen Forschung muss klar sein, dass die Öffentlichkeit uns nicht unterstützt und fördert, um ein kulturelles Ereignis zu beobachten. Auch in Zukunft werden wir, und das zu Recht, vor allem an überzeugenden Verbesserungen für die Gesundheit an Arbeitsplätzen – und auch in Umweltbereichen – gemessen werden.


Zur Person:
Universitäts-Prof. Thomas Erren wurde auf die Universitätsprofessur für Arbeitsmedizin, Umweltmedizin und Präventionsforschung der Universität zu Köln berufen und ernannt. Zuvor war der Arbeitsmediziner Leiter des Instituts und der Poliklinik für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Sozialhygiene der Universität zu Köln.





 
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