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Arbeitsmedizin

04.10.10

Arbeitsmedizin in Österreich

Geschichtliches
Mit dem Inkrafttreten des Arbeitnehmer-Schutzgesetzes 1972 erfolgte der Beginn einer systematischen Versorgung der Unternehmen und deren Beschäftigten in unserem Land. Betriebe mit mehr als 750 Beschäftigten waren aufgefordert, eine arbeitsmedizinische Betreuung einzurichten. Mit einer Novelle des genannten Gesetzes im Jahr 1982 erfolgte die Senkung der Schlüsselzahl auf 250 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Damit kamen erst ca. 4 % der Betriebe und ca. 25 % der Beschäftigten in den Genuß einer Versorgung durch arbeitsmedizinisch ausgebildete Ärzte und Ärztinnen. Begleitend zu dieser Regelung erfolgte auch die Entwicklung einer Ausbildung für Ärzte und Ärztinnen, die sich auf dieses medizinische Aufgabenfeld spezialisieren wollten. Diese Zeit des Aufbaues einer arbeitsmedizinischen Struktur in Österreich ist ganz wesentlich mit der Person von OMR Prof.Dr. Egmont Baumgartner verbunden. Die Ausbildung in Arbeitsmedizin erfolgt seit 1984 in der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin in Klosterneuburg, wo im Rahmen einer 12-wöchigen Ausbildung die interessierten Mediziner/-innen mit sämtlichen arbeitsmedizinischen Fachthemen und den relevanten gesetzlichen, sozialversicherungs-rechtlichen, interessenspolitischen und ökonomischen Fragestellungen konfrontiert wurden und werden. 1989 erfolgte die Gründung der Linzer Akademie für Arbeitsmedizin.  Auf universitärer Ebene gab und gibt es nur an der Medizinischen Universität in Wien ein arbeitsmedizinisches Institut, das in den letzten Jahrzehnten von Prof. Dr. Oswald Jahn, Prof. Dr. Hugo W. Rüdiger und seit 1.5.2010 von Prof. Jasminka Godnic-Cvar geleitet wurde bzw. wird. Mitte der 90er Jahre wurde durch das neue ArbeitnehmerInnen-Schutzgesetz – auch um im Einklang mit den Regeln der EU zu sein – die stufenweise Reduktion der Schlüsselzahlen zur Einrichtung einer arbeitsmedizinischen Betreuung gesetzlich definiert. Nunmehr gilt für alle österreichischen Betriebe, die Arbeitnehmer/-innen beschäftigen, die Pflicht zur Einrichtung einer arbeitsmedizinischen Betreuung.

Gesetzliche Ansprüche an die Arbeitsmedizin
Die arbeitsmedizinische Einsatzzeit vor Ort in den Betrieben ist Teil der sogenannten Präventionszeit. Die Präventionszeit beträgt an Büroarbeitsplätzen und Arbeitsplätzen mit vergleichbarer Gefährdung 1,2 Stunden pro Arbeitnehmer und Kalenderjahr. Für Arbeitnehmer an allen anderen Arbeitsplätzen 1,5 Stunden pro Kalenderjahr.  Von dieser Präventivzeit sind 35 % für Arbeitsmediziner und 40 % für die Sicherheitsfachkräfte vorgesehen. Die verbleibenden 25 % können von den Unternehmen frei sowohl an die Arbeitsmedizin als auch an die Sicherheitsfachkraft oder an Experten aus den Fachgebieten der Chemie, der Toxikologie, der Ergonomie oder Psychologie verteilt werden. In der Praxis zeigt sich, dass die Unternehmen diese Zeiten – insbesondere in Klein- und Mittelbetrieben – am ehesten  an Arbeitsmediziner oder Sicherheitsfachkräfte vergeben.

Die Unternehmen können Arbeitsmediziner im Rahmen eines Beschäftigungsverhältnisses anstellen, sogenannte externe Arbeitsmediziner beschäftigen (entspricht freiberuflich tätigen Arbeitsmedizinern) oder sich durch ein Arbeitsmedizinisches Zentrum betreuen lassen.

Das oben genannte ArbeitnehmerInnen-Schutzgesetz verpflichtet die Arbeitgeber, die Arbeitsmediziner in folgenden Angelegenheiten einzubinden:

1. in allen Fragen der Erhaltung und Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz und der Verhinderung arbeitsbedingter Erkrankungen,

2. bei der Planung von Arbeitsstätten,

3. bei der Beschaffung oder Änderung von Arbeitsmitteln,

4. bei der Einführung oder Änderung von Arbeitsverfahren und der Einführung von Arbeitsstoffen,

5. bei der Erprobung und Auswahl von persönlichen Schutzausrüstungen,

6. in  arbeitsphysiologischen,      arbeitspsychologischen      und   sonstigen ergonomischen sowie arbeitshygienischen Fragen, insbesondere des Arbeitsrhythmus, der Arbeitszeit- und Pausenregelung, der Gestaltung der Arbeitsplätze und des Arbeitsablaufes,

7. bei der Organisation der Ersten Hilfe,

8. in Fragen des Arbeitsplatzwechsels sowie der Eingliederung und Wiedereingliederung Behinderter in den Arbeitsprozess,

9. bei der Ermittlung und Beurteilung der Gefahren,

10. bei der Festlegung von Maßnahmen zur Gefahrenverhütung,

11. bei der Organisation der Unterweisung und bei der Erstellung von Betriebsanweisungen

Mit diesen gesetzlichen Rahmenbedingungen ist die Arbeitsmedizin in Österreich in ein Korsett gezwungen, bietet aber auch eine gute Basis und Sicherheiten. Die Normierungen und Vorgaben lassen grundsätzlich Freiraum für alle gesundheitsrelevanten Fragestellungen im Arbeitsfeld Gesundheit und Arbeitstätigkeit offen. Um diese Ansprüche des Berufsbildes eines Arbeitsmediziners auch in der Realität leben zu können, bedarf es höchst engagierter Mediziner, die sich im Spannungsfeld eines Betriebes bewegen können und die gesamte Breite des Faches Arbeitsmedizin als „Erfolgskonzept“ für Unternehmen platzieren können.

Kleinbetriebsbetreuung in Österreich
Die Betreuung der Kleinbetriebe (bis 50 Mitarbeiter) stellt eine Sonderform dar und soll aus diesem Grunde kurz erwähnt werden. Unternehmer haben bei dieser Größenordnung von Betrieben die Wahl, sich selbst eine Betreuung zu organisieren oder das Angebot der kostenlosen Betreuung durch die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) in Anspruch zu nehmen. Zu diesem Zweck hat die AUVA sogenannte Präventivzentren gegründet, die für die Organisation zuständig sind. Rund 130 Arbeitsmediziner sind österreichweit als Vertragspartner der AUVA im Einsatz und beraten diese  große Zahl an Betrieben in arbeitsmedizinischen Fragen.

Ausbildungsstandards in Österreich
Als Arbeitsmediziner dürfen in österreichischen Unternehmen nur Ärzte tätig werden, die zur selbständigen Ausübung des Arztberufes berechtigt sind. Dies bedeutet, dass nach dem Studium der Medizin eine mindestens 3-jährige klinische Ausbildung in einem Krankenhaus erfolgen muss, die mit der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin endet.  In Ergänzung zu dieser klinischen Ausbildung muss ein Arbeitsmediziner zusätzlich die Ausbildung an einer Akademie für Arbeitsmedizin absolvieren, die 12 Wochen bzw. 360 Lehreinheiten umfasst. Neben dieser Ausbildung, die einen Mediziner für eine arbeitsmedizinische Tätigkeit  befähigt, gibt es in Österreich seit 1994 auch die Qualifikation zum Facharzt für Arbeitsmedizin. Diese Ausbildung umfasst eine 6-jährige Ausbildung mit 4 Jahren an einer entsprechenden Facharztausbildungsstelle, dem 12-wöchigen Kurs an einer Akademie und klinischen Fächern in einem Krankenhaus. Aufgrund der geringen Zahl an Fachärzten in Österreich gibt es zur Zeit sehr wenige Ausbildungsstellen in diesem Sonderfach der Medizin.

Einwohner

 ca. 8.000.000

Unselbständig Beschäftigte

ca. 3.000.000

Ausgebildete Arbeitsmediziner

ca. 2.500

Aktive Arbeitsmediziner

ca. 1.600

Fachärzte für Arbeitsmedizin

ca. 110

Vollzeitbeschäftigte Arbeitsmediziner

ca. 300

Vollzeitbeschäftigte Fachärzte für Arbeitsmedizin

ca. 50

 

 

 

 

 

 


Ausblick
Die Arbeitsmedizin hat sich seit Mitte der 80er Jahre sehr dynamisch entwickelt. In dieser Zeit ist es gelungen, die Anliegen dieses Sonderfaches in zahlreichen österreichischen Unternehmen nachhaltig zu verankern. Es konnten viele Ärztinnen und Ärzte gewonnen werden sich auf diesem Fachgebiet zu engagieren.  Die Bearbeitung vieler Fragestellungen in Unternehmen sind ohne Einbindung der Arbeitsmediziner nicht mehr denkbar. Wir haben damit ein erfreuliches Niveau erreicht. Es ist aber auch nicht zu übersehen, dass es in den letzten Jahren zu einem gewissen Stillstand in dieser Entwicklung gekommen ist. Persönlich glaube ich, dass die fehlende Präsenz der Arbeitsmedizin an  den österreichischen Medizinuniversitäten ganz wesentlich dazu beiträgt. Österreichs Medizinstudenten verlassen die Universität großteils noch immer ohne arbeits-medizinisches Grundwissen. Dieser Umstand, in Zusammenhang mit den geringen Forschungsarbeiten in unserem Fachgebiet in Österreich, stimmt mich sorgenvoll für die Zukunft unseres Faches.  Ich bin überzeugt, dass es in einer leistungsfähigen Industriegesellschaft unbedingt erforderlich ist, dass sich Ärztinnen und Ärzte mit den möglichen Gefahren der Arbeitswelt für die Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung auseinandersetzen müssen, damit deren Gesundheit und Leistungsfähigkeit erhalten bleibt.

 
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