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Arbeitsmedizin

19.04.10

Gesunde Arbeit für alle – empirische Studie der Deutschen Rentenversicherung Nord

Am 13.Januar 2010 hat die Deutsche Rentenversicherung Nord in Lübeck die Ergebnisse einer empirischen Studie zur Verbesserung betrieblicher Gesundheitspolitik insbesondere in Klein- und Mittelbetrieben Norddeutschlands vorgestellt. Verfasser der Studie ist Herr Karl-Heinz Köpke, früherer Vorstandsvorsitzender der LVA Schleswig-Holstein, Mitglied im Vorstand des VDR, des Verwaltungsrats der Bundesanstalt für Arbeit und im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation. Im Rahmen dieser Untersuchung hat der Autor zahlreiche Quellen gesichtet, Experten, u.a. neun Betriebsärzte aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern  befragt und 30 Klein- und Mittelbetriebe in Norddeutschland aufgesucht und interviewt.

In einem Abgleich der umfassenden Angebote des sektoral gegliederten Systems zur Schaffung, Erhaltung und Wiederherstellung sozialer Sicherheit durch Prävention und Rehabilitation mit den praktischen Erfahrungen der interviewten Betriebe mit diesem System offenbaren sich deutliche Umsetzungsdefizite: Unüberschaubarkeit bzw. fehlende Transparenz der Leistungspalette, partiell mangelhafte Kooperation von Leistungsträgern und Leistungserbringern und ein unzureichend ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein. Nach einem Blick auf hemmende und fördernde Faktoren wird kritisch festgestellt, dass es wohl ein großes Angebot präventiver und rehabilitativer Gesundheitsleistungen, aber keine für den einzelnen Versicherten bzw. Beschäftigten ausreichende Übersicht gibt.

Die Befragung ergab u.a., dass nur 20 der 30 interviewten Betriebe das betriebliche Eingliederungsmanagement  nach § 84 Abs. 2 SGB IX überhaupt bekannt war, in fünf Fällen war zur Umsetzung eine Betriebs- oder Dienstvereinbarung abgeschlossen worden, in vier weiteren Fällen eine solche geplant. Überwiegend fand sich allerdings kein aktives betriebliches Handeln zur Wiedereingliederung von Beschäftigten mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen. Psychische Störungen wurden von den Personalverantwortlichen als wachsendes Problem gesehen, bei deren Lösung auch ein Betriebsarzt wenig helfen könne. „Der Betriebsarzt könne bei konfliktträchtigen, psychischen Problemstellungen wenig helfen“. Auch in Fragen der Einsatzfähigkeit eines leistungsbeeinträchtigten Beschäftigten, der Umrüstung eines Arbeitsplatzes oder einer evtl. Umqualifizierung würde sein Sachverstand erwartet, sei aber in der Regel nicht gegeben. Generell wird es als zu eng und wenig hilfreich angesehen, wenn ein Betriebsarzt sich in seiner Tätigkeit im Wesentlichen auf medizinisch-technische Befunde beschränke.

Dennoch wurde die Tätigkeit des Betriebsarztes von den Betrieben überwiegend positiv beurteilt und in ihrer Tätigkeit eine unverzichtbare, wertvolle Unterstützung gesehen. Der Betriebsarzt sei „eine Art Vertrauensperson, es sei etwas anderes, wenn der Betriebsarzt etwas sagt“, „der Betriebsarzt genießt bei den Beschäftigten allgemeine Wertschätzung“. Auch die befragten Betriebsärzte sehen Änderungsbedarf in Richtung einer mehr ganzheitlichen, projektorientierten Arbeit, einer stärkeren Ausrichtung auf eine psychosomatische Herangehensweise und vor allem einer besseren Einbindung in das Gesundheitswesen und kooperativer Offenheit aller beteiligten Professionen. Sie bekundeten ihre Bereitschaft, verstärkt an der Sicherung von Erwerbsfähigkeit mitzuwirken und verwiesen dazu auf eine Vereinbarung des VDBW mit den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen zur Einleitung von Maßnahmen zur Prävention und Rehabilitation sowie mit der DRV Baden-Württemberg zur Beteiligung von Betriebsärzten an der Rehabilitation.

Herrn Köpke kommt zu folgendem Ergebnis: „Überhaupt sollte die Expertise von Betriebs- und Werksärzten mehr für eine gesundheitsförderliche Arbeitsumwelt und gesunde Beschäftigung und insbesondere zur Früherkennung von Reha-Bedarf genutzt werden. Hausärzte sowie Reha-Ärzte und Rentenversicherung könnten gleichermaßen davon profitieren. Notwendig ist dazu aber mehr kooperatives Verhalten von niedergelassenen bzw. Hausärzten. Wie die Schnittstelle Hausarzt/Reha-Arzt/Betriebsarzt geschlossen werden könnte,  zeigt ein Blick in den Reha-Abschlussbericht. Zum Abschlussgespräch gehört der Aspekt der Rückkehr in den Erwerbsprozess. Hier kann ein Betriebs- oder Werksarzt flankierend tätig werden. Um ihn dafür zu befähigen, soll ihm nach einer Vereinbarung auf Bundesebene der Reha-Entlassungsbericht zur Verfügung gestellt werden. Das ist sachgerecht und prozessfördernd. Denn wie kein anderer kennt er den Arbeitsplatz eines Rehabilitanden. Leider melden die Betriebsärzte Fehlanzeige. Derartige Berichte bekämen sie, wenn überhaupt, nur auf Anforderung vom Hausarzt. Es ist dringend an der Zeit, dass diese Empfehlung mit Leben erfüllt wird“ (S. 126/127 der Studie).

Im letzten Abschnitt seiner Studie stellt Herr Köpke eine Reihe von Handlungsempfehlungen auf, die z.T. auch die betriebsärztliche Tätigkeit betreffen. Beispielhaft seien folgende zitiert:

„7.  Betriebe sollen Betriebsärzte in ihrer beratenden Tätigkeit in psychischen und psychosomatischen Problemstellungen bei ihren Bemühungen um mehr Kontakte zu Haus- und Reha-Ärzten, z.B. bei längerer Erkrankung oder Rückkehr eines Beschäftigten von einer Rehabilitation, tatkräftig unterstützen.“

„16. RV und UV sollten gemeinsam mit Betriebs- und Werksärzten (VDBW) prüfen, auf welche Weise betriebs- und werksärztliche Kompetenz vermehrt für die Aufdeckung frührehabilitativen Bedarfs genutzt werden kann. Auch sollte erwogen werden, mittels Zusammenarbeit beider mit Arbeitgeber- oder Wirtschaftsverbänden und Kammern branchen- und berufsbezogene Rehabilitation durchzuführen.“

Die Studie betont einerseits die wichtige Rolle der Betriebsärzte in der Prävention und Rehabilitation und kommt in der Auswertung der Interviews mit den Betrieben zu dem Ergebnis, dass die Tätigkeit der Betriebsärzte überwiegend als positiv und nützlich angesehen wird, deckt aber auch eine Reihe von Handlungsfeldern auf, in denen wir Verbesserungsbedarf haben. Das betrifft u.a. den Umgang mit Beschäftigten mit psychischen und psychosomatischen Störungen oder beim Eingliederungsmanagement.  Darüber hinaus zeigt sie der Rentenversicherung vielfältigen Handlungsbedarf und Entwicklungspotentiale auf, um Erwerbsfähigkeit noch effizienter zu fördern und zu erhalten.

Die Studie ist im Eigenverlag der DRV Nord, Ziegelstraße 150, 23556 Lübeck erschienen.


Detlef Glomm

 
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