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Arbeitsmedizin

10.07.10

Ramadan: Muslimen fasten vom 11.08. bis 08.09.2010 - Ein Thema für Betriebsärzte

Der Ramadan rückt immer weiter in die hochsommerliche Zeit vor. Dadurch verstärkt sich die Situation von fastenden Menschen vor allem bei körperlich schweren Arbeiten weiter. Festzustellen ist, dass immer mehr Gläubige diese religiösen Regeln einhalten. Der Aspekt des Gesundheitsschutzes wird für Betriebsärzte zu einem Thema, bei dem Unternehmen und betroffene Mitarbeiter Beratungsbedarf haben.

Schließlich ist absehbar, dass die Bevölkerung nicht nur zunehmend älter wird, sondern auch der Anteil der Menschen islamischen Glaubens wächst. Nicht nur die Produktionsprozesse werden globaler und komplexer, sondern auch die Belegschaften und ihre sozialen Bedürfnisse. Je mehr Verständnis für ihre Denk- und Verhaltensweisen entwickelt wird, umso sicherer kann auch die Arbeitswelt gestaltet werden. Diversity Management ist inzwischen nicht mehr international operierenden Hochtechnologieunternehmen vorbehalten, sondern auch in scheinbar einfachen Stufen der Leistungserstellung notwendig geworden. Nicht nur das Umfeld der Unternehmen ändert sich permanent, sondern auch die ethnische Zusammensetzung der Belegschaft mit entsprechenden Auswirkungen auf das soziale Klima respektive Motivation, Arbeitszufriedenheit, Fehlzeiten etc. Deshalb werden nachfolgend die Grundlagen des Islam dargestellt, um daraus arbeitsmedizinische Folgerungen angepasst auf das jeweilige Unternehmen ziehen zu können.

Der Islam organisiert und regelt nicht nur die religiösen Handlungen des gläubigen Muslims, sondern hat den Anspruch, die gesamte Gesellschaft und den Alltag zu determinieren. Weltweit werden 1,5 Milliarden und in Deutschland 3,5 Millionen Muslime geschätzt. Folglich sind unterschiedliche Ausprägungen in der Religionsausübung zwangsläufig gegeben. Dennoch sind fundamentale Vorschriften und Eigenschaften der Religion vorhanden, die den Kern ausmachen und eine einheitliche Orientierung vorgeben.

Die fünf Säulen des Islam: 

  1. Das Glaubensbekenntnis der Muslime lautet: "Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet." Somit ist der Islam monotheistisch, sieht Mohammed als einen Propheten, der als letzter der Propheten den Islam als Endpunkt der bisherigen Religionen verkündet. Damit erfolgt auch die Abgrenzung zu den übrigen Religionen.
  2. Jeder Gläubige muss am Tag zu fünf Gebetszeiten beten: vor dem Sonnenaufgang, am Mittag, am Nachmittag, nach dem Sonnenuntergang, und zum Einbruch der Nacht. Dies kann individuell oder gemeinschaftlich in der Moschee erfolgen. Dabei sind detaillierte Vorschriften zu beachten. Nicht nur die geistige Reinheit muss gegeben sein, sondern die physische Sauberkeit der Gebetsstätte ist von besonderer Bedeutung. Die rituelle Waschung vor jedem Gebet ist Pflicht. Da es im Koran vorgeschrieben ist, wenden sich die Muslime im Gebet in Richtung Mekka, der Geburtsstadt des Propheten Mohammed.
  3. Fasten im Monat Ramadan ist eine der Säulen. Sie ist Ausdruck des Verzichts auf irdische Annehmlichkeiten und der besonderen Hingabe zu Gott. Die Fastenzeit erstreckt sich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. In dieser Zeit ist jegliche Aufnahme von Nahrung, Flüssigkeit oder gar Nikotin nicht erlaubt. Es bestehen jedoch zahlreiche Ausnahmen von dieser Pflicht, auf die noch einzugehen ist.
  4. Zakat ist eine Verpflichtung, die auf den sozialen Ausgleich abzielt. Die Gläubigen mit hohem Einkommen sollen Teile ihres Vermögens an die Bedürftigen abgeben.
  5. Wallfahrt nach Mekka wird als Hadsch bezeichnet. Jeder gesunde Erwachsene, ob Mann oder Frau,  soll ein Mal im Leben nach Mekka reisen, sofern seine finanziellen Möglichkeiten es zulassen.

Die praktische Umsetzung
Die praktische Ausübung dieser grundlegenden Vorschriften differiert selbstverständlich nicht nur individuell je nach Grad der Gläubigkeit, Alter oder sozialem Milieu. Auch kulturelle Eigenschaften, regionale Besonderheiten oder politische Rahmenbedingungen im jeweiligen Land führen zwangsläufig zu einer Differenzierung in der Praxis. Jedoch kann zweifelsfrei beobachtet werden, dass gerade in der Migration die Hinwendung zu Religion und den religiösen Riten und Werten zunimmt. Dahinter steckt primär das Bestreben, die eigene Identität in fremder Umgebung stärker zu betonen und die Gruppenzugehörigkeit nach außen zu signalisieren. Nicht wenige Stimmen reden in diesem Zusammenhang auch von politischer Motivation. Dadurch ergibt sich, dass Muslime verstärkt auch fasten.

Ramadan
Der Monat Ramadan ist im muslimischen Kalender (Mondkalender) dafür vorgesehen. Da nach dem Mondkalender das Jahr lediglich 354,5 Tage hat, wandert dieser Monat nach dem hier gültigen gregorianischen Kalender ca. 10 Tage im Jahr nach vorne. Im Jahr 2010 erstreckt sich die Fastenzeit vom 11. August bis zum 08. September, also im Hochsommer. Die Angabe der Zeiten, in denen gefastet werden muss, also keine Nahrung und Flüssigkeit aufgenommen werden darf, erfolgt je nach geografischer Lage minutengenau. Im Sommer können es 14 -15 Stunden sein. Insbesondere der Flüssigkeitsmangel kann in dieser Zeit zu verstärkten Belastung des Organismus führen, wie zum Beispiel Kreislaufprobleme, Erschöpfungszustand und Konzentrationsschwierigkeiten.

Nur wer das Fasten, so wie es im Islam vorgeschrieben ist, ohne gesundheitlichen Schaden durchführen kann, ist zu diesem Gebot verpflichtet.

Ausnahmen des Fastengebots
Die wesentlichen Ausnahmen vom Gebot des Fastens sind Krankheit, medizinisch bedingte Medikamenteneinnahme, Belastungen durch unaufschiebbare Reisen, schwere körperliche Arbeit, Menstruation der Frauen, Schwangere und stillende Frauen sowie Frauen bis 40 Tagen nach einer Geburt, altersschwache Menschen, Kinder unter 12 Jahren, ebenso geistig behinderte Menschen.

Die Gebote und auch Verbote der Muslime haben immer dann zurückzutreten, wenn es im Konfliktfall um die Gesundheit oder sogar die Lebenserhaltung geht und es keine Alternativen gibt, denn der Islam definiert sich als „Religion des Mittelweges“.

Personen, deren gesundheitliche Situation sich voraussichtlich nicht bessern wird, wie z.B. chronisch Kranke oder Altersschwache, sollen für jeden im Ramadan versäumten Fastentag einen Bedürftigen speisen. Andere, die unter die Ausnahmeregelung fallen und deren Situation sich bessern wird, holen die versäumten Fastentage zu einem späteren Zeitpunkt nach.

Daher können Muslime, die körperlich schwere Arbeiten ausüben, die Fastenzeit auch in den Winter verlegen. Möglich wäre auch, dass der betroffene Muslim in dieser Zeit Urlaub antritt und die Fastenzeit ohne körperliche Anstrengung erlebt.


Wenn die betrieblichen Möglichkeiten es zulassen, könnte der betroffene Muslim auch eine andere zumutbare Arbeit in dieser Zeit erledigen, bei der er körperlich weniger beansprucht wird.

Das Ende der Fastenzeit
Es ist auch sehr wichtig, dass muslimische Arbeiter, Angestellte und Auszubildende die Möglichkeit erhalten, nach Ende des Fastenmonats Ramadan am Festgebet teilzunehmen. Dieses Fest und ein weiteres, das ca. zwei Monate danach folgt, ist für Muslime genauso wichtig wie Weihnachten und Ostern für Christen. Über eine Gratulation und einen Glückwunsch zu diesen Festen werden sich die Muslime sicherlich sehr freuen.

Der Autor:
Dipl.-Ök. Ercan Idik
EG DU Entwicklungsgesellschaft Duisburg mbH
Willy-Brandt-Ring 44
47169 Duisburg