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Arbeitsmedizin

19.04.10

Gemeinsam gegen Psychostress am Arbeitsplatz: Betriebsärzte und IG Metall intensivieren ihre Zusammenarbeit

Psychische Gesundheit im Betrieb bleibt gerade in der Krise ein brisantes Thema. Erfolgreiche Prävention und Intervention erfordert die Zusammenarbeit aller betrieblichen und überbetrieblichen Akteure. Eine Schlüsselrolle spielt hier die Kooperation von Betriebsräten und Betriebsärzten.
Autor: Dr. Jürgen Reusch, Redaktion „Gute Arbeit“

180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, reges Interesse und viele Diskussionen bei einem Workshop zur psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz – das spricht dafür, dass dieses Thema viele bewegt, gerade in der Krise. So war es auch am 23. Februar im Haus der IG Metall in Frankfurt am Main: Zahlreiche Mitglieder von Betriebsratsgremien, Schwerbehindertenvertretungen und auch viele Betriebsärztinnen und Betriebsärzte hatten sich auf Initiative des Verbandes der Betriebs- und Werksärzte (VDBW) und der IG Metall zu einem Erfahrungsaustausch zusammengefunden. Beide Organisationen setzten damit übrigens eine schon länger bestehende Zusammenarbeit zu diesem Thema fort.
Gemeinsam gegen die „Epidemie des 21. Jahrhunderts!
Dass dieser Handlungsbedarf derzeit eher noch größer geworden ist, wurde auf der Tagung sehr deutlich. Hans-Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, erläuterte, dass eine an der Optimierung des Shareholder Value ausgerichtete Unternehmenspolitik auch gegenüber den Beschäftigten eine neue Maßlosigkeit der Leistungsanforderungen mit sich bringe. In der Krise nehme der Druck auf die Beschäftigten sogar noch weiter zu. Eindrucksvolle Beispiele aus seiner eigenen betriebsärztlichen Praxis erläuterte der Arbeitsmediziner Detlef Glomm, Vizepräsident des VDBW: der 38-jährige Chemielaborant, der 44-jährigen Anlagenfahrer, der 41-jährige Schlosser und andere mehr – sie standen gerade mal in der Mitte ihres Arbeitslebens. Ihre unterschiedlichen psychischen Erkrankungen hingen klar mit Stress, Arbeitsverdichtung, permanenter Überforderung, belastenden Arbeitszeiten oder auch einer Misstrauenskultur im Betrieb zusammen.

Die Probleme enttabuisieren und frühzeitig erkennen
Alle Experten waren sich darin einig, dass dabei der Enttabuisierung der arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen und dem Aufbau eines betrieblichen Frühwarnsystems hohe Bedeutung zukomme. Die subjektive Seite spielt dabei eine wachsende Rolle, unterstrich Weber: Wenn z. B. Mehrheiten von Beschäftigten ihre Arbeitsbedingungen kritisch einschätzen, so sagt das sehr viel über krank machende objektive Verhältnisse.

Um hier intervenieren zu können, müssen die betrieblichen Akteure mehr wissen über die Besonderheiten psychischer Erkrankungen. Die Arbeitsmediziner Weber und Glomm erläuterten, welche Vielfalt von Erscheinungsformen sich unter dem Sammelbegriff der psychischen Erkrankungen verbergen könne. Glomm zeigte an Beispielen aus seiner betriebsärztlichen Tätigkeit, woran der Übergang von der Fehlbeanspruchung zur Krankheit zu erkennen ist. Das könne mit scheinbar alltäglichen Dingen beginnen wie ständige Vergesslichkeit, nachlassende Konzentration, ständige Ermüdung, vielleicht auch Vernachlässigung des Äußeren und könne weiter gehen zu Essstörungen, Drogenmissbrauch, Hörsturz und manifesten körperlichen Symptomen wie Bluthochdruck, Diabetes u. a. m.

Entscheidend sei, dass im Betrieb rechtzeitig Kommunikationsstrukturen aufgebaut würden, die solche Entwicklungen erkennen und darauf rasch und zielgerichtet reagieren könnten. Schon nach einer nur sechsmonatigen psychischen Erkrankung liege die Re-Integrationschance bei nur noch 50%, warnte Glomm. Dazu seien alle betrieblichen und überbetrieblichen Akteure und Kooperationsstrukturen gefordert – unter Einschluss der Arbeitgeber.

Betriebsräte und Betriebsärzte – eine strategische Allianz
Bei alldem spiele die Zusammenarbeit von Betriebsräten und Betriebsärzten eine Schüsselrolle, betonte Hans-Jürgen Urban. Sie habe den Stellenwert einer „strategischen Allianz“. Detlef Glomm unterstrich das: Betriebsräte und Betriebsärzte müssen intensiv zusammenarbeiten. Die lebhafte Diskussion zeigte, dass dies in der Praxis allerdings nicht immer so einfach ist. Auch Glomm räumte ein: Mit Blick auf die psychischen Erkrankungen etwa müssten manche Betriebsärzte noch motiviert werden. Allerdings kamen auch zahlreiche positive Erfahrungen zur Sprache.

Einige Betriebsräte äußerten aber auch Bedenken: Gerade in der Krise gebe es eine Zunahme krankheitsbedingter Kündigungen, manche Beschäftigte scheuten sich aus nachvollziehbaren Gründen, „ihrem“ Betriebsarzt vertrauliche persönliche Informationen zu geben. Dieses Problem gibt es, räumte Glomm ein. Aber da man nur mit Vertrauen gegen psychische Fehlbelastungen vorgehen könne, müsse eben daran gearbeitet werden, eventuell bestehendes Misstrauen Schritt für Schritt abzubauen. Betriebsärzte und Betriebsräte haben hier eine wechselseitige Bringschuld, sagte Glomm. Der sei am besten durch mehr Information und Kommunikation zu entsprechen. Es komme nicht darauf an, vorhandene Probleme zuzudecken, betonte Hans-Jürgen Urban. Betriebsräte, Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit seien hier ernsthaft gefordert. Deswegen sei aus Sicht der IG Metall die Zusammenarbeit mit dem Verband der Betriebs- und Werksärzte sehr positiv zu werten und solle weiter ausgebaut werden.

 
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